Kranke Kinder gehören nach Hause!

Wer jetzt denkt, meine Überschrift würde nicht mehr als eine absolute Selbstverständlichkeit aussagen, der wohnt wahrscheinlich nicht in meinem Heimatort – und ehrlicherweise wohl nicht einmal in Deutschland. Denn nicht nur der Gemeindeverwaltung meines Ortes fällt jedes Jahr aufs Neue auf, dass Eltern dieses elementare Basiswissen offenbar nicht mehr in Gänze in sich tragen, auch die überregionale Tagespresse berichtet immer mal wieder über diesen Umstand.

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Mit Fiebersaft in die Kita

Was da beschrieben wird, klingt so unglaublich, dass man es für einen maßlos überzeichneten Roman über das Aufwachsen im sozialen Brennpunkt halten könnte. Kinder, die nachts gebrochen haben, bekommen morgens etwas, was den Brechreiz für einige Zeit unterdrückt, sodass sie als vermeintlich gesund in die Kita gehen können. Haben sie beim Aufwachen Fieber, gibt es auch dagegen Saft, denn ein bereits an der Tür der Einrichtung glühendes Kind würde von den Erzieherinnen schließlich sofort zurück geschickt. Fliegt der Schwindel einige Stunden später schließlich auf, weil Säfte und Pillen nicht mehr wirken und das Kind fiebrig auf dem Sofa liegt oder die Bauecke vollgekotzt hat, kommt es nicht selten vor, dass die Eltern zufällig gerade im Funkloch stecken – und somit der kranke Nachwuchs den Rest des Tages in der Einrichtung verbringen muss. Dass, ihr Lieben, ist leider keine Erzählung aus einem berühmt-berüchtigten Stadtteil, sondern mehr und mehr Normalität in den Kitas der deutschen Mittelschicht.

Kranke Kinder brauchen Bindungspersonen

Für mich ist der Umstand, dass berufstätige Eltern heute so unter Druck stehen, dass sie auf solche Ideen kommen, der traurigste Entwicklungsschritt unserer sogenannten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Schließen wir doch bitte einmal kurz die Augen und überlegen uns, was wir uns wünschen, wenn wir krank sind. Ihr habt ja auf Facebook und hier fleißig meinen Hühnersuppen-Beitrag geliked – und genau darum geht es auch jetzt – wir brauchen Liebe. Liebe ist die beste Apotheke, ganz egal, ob sie in Form von Hühnersuppe daherkommt, als vorgelesenes Märchenbuch oder einfach nur durch Streicheleinheiten ausgedrückt wird – sie hilft uns. Auch wir Erwachsenen freuen uns, wenn ein geliebter Mensch bei uns ist, wenn es uns nicht gut geht. Wenn der Mann sich einfach ein halbes Stündchen neben uns ins Bett legt, die Mama zu Besuch kommt und Essen kocht und uns übers Haar streichelt oder die beste Freundin eine Tafel Schokolade vor die Tür stellt, fühlen wir uns gleich besser. Wie viel mehr brauchen kleine Kinder die Zuwendung ihrer Eltern, wenn sie krank sind? Kinder können, anders als wir, oft gar nicht einschätzen, warum sie sich auf einmal nicht wohl fühlen. Sie bemerken nur, dass ihnen etwas weh tut, sie plötzlich müde sind, um sie rum auf einmal alles zu laut ist oder sie ganz dolle frieren. Das kann verwirrend sein und beunruhigend – und genau in diesen Situationen brauchen sie uns – ihre primären Bezugspersonen. Kinder brauchen ihren sicheren Hafen, wenn sie nicht fit sind. Sie müssen gerade in diesen schwachen Momenten das besondere Gefühl der Geborgenheit haben. Bekommen sie unsere bedingungslose Liebe und unsere uneingeschränkte Zuwendung in diesen Augenblicken, wächst ihr Vertrauen in uns, in ihr Zuhause, in die Welt als guten Ort. Sie fühlen sich nicht nur körperlich gestärkt, sondern auch seelisch. Verwehren wir ihnen diese Begleitung, wenn sie krank sind, droht das Gegenteil. Kinder lernen, dass sie in schwierigen Situationen nicht gehalten werden, mehr noch, dass ihre Bedürfnisse nicht wertgeschätzt werden, dass sie in ihren Nöten nicht gesehen werden

Wenn Kinder nicht mehr krank sein dürfen

Doch nicht nur Bindung und Urvertrauen sind gefährdet, wenn wir unsere kranken Kinder trotzdem in Einrichtungen schicken, es ist auf ein fatales Zeichen. Unsere Kinder lernen sowieso schon sehr früh, dass es vor allen Dingen darauf ankommt, dass sie in unserer Gesellschaft „funktionieren“. Leistungsorientierung spielt immer früher eine immer größere Rolle. Wir, eine Generation von Erwachsenen, die in den besten Lebensjahren oft von starken Stresssymptomen geplagt wird und die verlernt hat, auf den eigenen Körper zu achten und zu hören, wir bringen genau das nun auch schon unseren Allerkleinsten bei. Wenn Kinder mitbekommen, dass sie für Eltern ein „Problem“ sind, wenn es ihnen nicht gut geht und sie ihren Alltag leben sollen, als seien sie nicht krank, dann verlernen auch sie, ihren Körper ernst zu nehmen und gut für sich zu sorgen.

Das Kind darf nicht in den Wald

Doch nicht nur die Eltern, die sich bereits von der nötigen Fürsorge verabschiedet haben, sind darauf aus, dass die Kinder nicht mehr krank werden, sondern auch die, die zähneknirschend jeden Infekt daheim aussitzen und ihre Krankentage damit strapazieren. So erzählte mir kürzlich eine befreundete Erzieherin, dass es immer wieder vorkäme, dass Eltern gegen den monatlich stattfindenden Waldtag protestieren, weil es nach deren Meinung zu nass oder zu kalt sei. Die Eltern versuchen so, ihre Kinder vor möglichen Krankheitsgefahren zu schützen – und nehmen ihnen damit so viel. Denn ein Tag im Wald ist für Kinder selbst bei nassem und feuchtem Wetter nicht gefährlicher, als ein Tag in einer Einrichtung, die gerade im Herbst und Winter sowieso voller Viren und Bakterien ist. Im Gegenteil, die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft und die Erfahrung unterschiedlicher klimatischer Bedingungen stärkt das Immunsystem sogar.
Aber auch der Grundgedanke, der dahintersteckt ist der Gesundheit unserer Kinder nicht unbedingt förderlich: Denn auch wenn es für uns Eltern nervig ist, unsere Kinder brauchen ihre Infekte. Das Immunsystem eines Kindes ist nicht ausgereift, wenn es zur Welt kommt. Am Anfang schützt es eine Art Nestschutz, den wir vorgeburtlich für das Baby anlegen und das ist auch gut so, denn die Kleinen sind mit den neuen Erfahrungen dieser Welt so beschäftigt, dass sie nicht unbedingt durch Krankheiten abgelenkt werden wollen. Doch spätestens ab dem Ende der Zeit, in der das Baby voll gestillt wird, will das Immunsystem trainieren. Es braucht den Umgang mit verschiedenen Erregern, um zu wachsen. Kurz gesagt – unsere Kinder brauchen ihre Infekte und zwar eine ganze Menge davon. 30 bis 60 Infekte in den ersten sechs Lebensjahren sind vollkommen normal und sogar nützlich. Infektvermeidung um jeden Preis sollte also gar nicht unser Ziel sein. Zumal gerade die Kleinen ja auch nach einem oder zwei Fiebertagen oft tatsächlich schon wieder fit sind.

Keine milde Pointe

Und nun sollte ich den Artikel wohl mit einem Absatz schließen, der bei dieser erschreckend hohen Anzahl an Infekten Verständnis für die Sorgen der berufstätigen Eltern äußert – denn schließlich reichen mickrige 10 Krankentage pro Elternteil nicht aus, wenn ein Kind wirklich 6-10 Mal im Jahr auf der Nase liegt. Nun ja, ich sage es mal mit Sarah Lesch und einer Strophe aus ihrem wunderbaren Song Testament:

Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende
Den Gefallen tu ich euch nicht
Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe,
Die das Unwohlsein wieder bricht

Im Gegenteil, ich glaube, dass uns solche erschreckenden Berichte mal aufhorchen lassen sollten und dass wir endlich einmal kurz innehalten müssen und schauen, was uns da in Wirklichkeit vorgesetzt wird, wenn es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Andere Konzepte als die, die derzeit bestehen, sind dringend nötig – für unser aller Wohlbefinden.

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113 Gedanken zu „Kranke Kinder gehören nach Hause!

  1. der Artikel spricht mir aus der seele… es ist märz ich habe für den rest des jahres noch 2 tage von meinen 10 zur verfügung… und mein kleiner grosser tut mir so leid, wenn er nach einer Woche im kindergarten schon wieder hustet schnupfen hat oder fiebert… er kommt gar nicht zur ruhe… 2 Wochen krank 1 Woche gesund 1 Woche krank, ich weiss nicht mehr was ich noch machen soll. ich bin froh einen tollen Arbeitgeber zu haben, der mich immer fahren lässt wenn was mit dem kleinen ist… aber es gibt oftmals leider nicht so rücksichtsvolle Arbeitgeber… ich drücke allen kranken und uns müttern und auch den väter, dass die kleinen schnell wieder fit werden….

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  2. Auch ich sehe diesen Trend und finde ihn beunruhigend. Noch nie wurden bei Kindern zudem so oft Antibiotika eingesetzt wie heute. Ich arbeite „nur“ zwanzig Stunden und mein Mann ist im öffentlichen Dienst, so dass er eine gewisse Sicherheit genießt und auch mal zu hause bleiben kann wenn es brennt. Aber genau das spiegelt sich im Gehalt wieder und ich mache einen Job weit unter meiner Qualifikation. Natürlich reicht es aus aber vieles muss warten. Aber meine Kinder sind es mir wert. Allerdings muss ich mich oft gerade gegenüber anderen Müttern verteidigen nicht mehr zu Arbeiten. Ein Umdenken bei Arbeitgeber Regierung und Müttern wäre dringend nötig.

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