Wie wir das kranke Kind schaukeln können

Ihr Lieben,

ich bin absolut überwältigt. Mit so vielen Reaktionen hätte ich nicht gerechnet. Mein Artikel darüber, dass kranke Kinder nach Hause gehören, hat hohe Wellen geschlagen. Viele von Euch konnten sich mit dem, was ich geschrieben habe, identifizieren. Aber verständlicherweise gab es auch Gegenwind, besonders in verschiedenen Facebook-Gruppen. Einige empfanden meine Ausführungen sogar als Eltern-Bashing. Das tut mir sehr leid, denn das ist das letzte, was ich möchte. Ich kann verstehen, wie der Eindruck entstanden ist und muss sagen, dass ich dabei bleibe – ich habe in meinem Artikel bewusst darauf verzichtet, Verständnis für die Eltern zu äußern, die aufgrund von Sachzwängen manchmal nicht anders können, als ihre Kinder krank in die Kitas zu schicken. Ich wollte nichts schreiben, dass das „Unwohlsein wieder bricht“, nichts, was meine vorherigen Ausführungen relativiert, nichts, was irgendjemanden aus der Verantwortung entlässt. Ich wollte mit diesem Artikel aufrütteln und dafür sorgen, dass all einmal kurz inne halten und überdenken, ob alles so richtig läuft, wie wir es uns zurecht gelegt haben.

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Doch dann kamt ihr, ihr habt mir eure Geschichten erzählt, hier, per Mail und auf Facebook. Hinter jeder Notlage stehen Gesichter, stehen Menschen, stehen Familien, stehen verständnislose Arbeitgeber, stehen Umstände, die nicht so bleiben dürfen, wie sie sind. Ich möchte nicht zurück rudern, im Gegenteil, ich bleibe bei jedem einzelnen Wort. Doch möchte ich meine Ausführungen fortsetzen und ein paar Gedanken dazu niederschreiben, wie es gehen könne. Wie eine Welt aussehen müsste, in der kranke Kinder daheim bleiben dürfen oder zumindest in guter Obhut.

Es braucht ein Dorf

Ganz ehrlich – wir Menschen waren nie dafür vorgesehen, es allein zu schaffen. Menschlicher Nachwuchs konnte nie allein oder von zwei Personen sicher und gut ins Leben gebracht werden, wir waren immer schon eine kooperativ aufziehende Art und wir sind es bis heute. Keiner sollte mit seinem Kind allein dastehen. Keiner sollte in eine Situation kommen, in der keine Hilfe da ist. Viele, das wurde auch in euren Kommentaren sichtbar, haben dieses Dorf aber nicht mehr. Unser Stamm hat sich, um mit Herbert Renz-Polster zu sprechen, vom Acker gemacht. Manchmal war es auch umgekehrt und wir sind gegangen und wohnen nun allein, in einer neuen Gegend, ohne Netzwerk, ohne Großeltern, ohne liebe und vertraute Menschen, die im Notfall da sind, wenn wir Unterstützung brauchen. Der Preis für unseren Individualismus ist hoch, das merken wir besonders in den Situationen, in denen zwei Eltern (oder oft genug nur ein Elternteil) eben nicht ausreicht, um alles Rund ums Kind zu organisieren. Deshalb brauchen wir neue Netzwerke. Wir brauchen wieder Clans. Wir müssen Orte schaffen, an denen Eltern sich begegnen können und an denen sie Netzwerke bilden können. Wir brauchen auch Begegnungsstätten für Generationen, denn wir Jungen schaffen es nicht allein. Wenn die eigenen Eltern schon nicht zur Verfügung stehen, um uns im Notfall zu unterstützen, dann müssen wir uns Ersatzfamilien suchen. Willige ältere Menschen gibt es mehr, als man denkt. Oft leidet nämlich auch diese Generation unter ihrer Isolation, darunter, dass Kinder und Enkel weit weg sind.

Es braucht Weitblick in Unternehmen

Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Unternehmerschaft sind in aller Munde. Neben einem gesunden Preis-Leistungsverhältnis und der Qualität der Produkte sind es auch immer mehr Aspekte (sozialer) Nachhaltigkeit, die Kunden interessieren und begeistern. Es wäre schön, wenn sich rumspräche, dass dazu nicht nur die Produktionsbedingungen und ökologische Faktoren zählen, sondern auch die Sorge um die nächste Generation. Von gut, sicher und emotional kompetent ins Leben begleiteten Kindern profitiert eine ganze Gesellschaft. Die Eltern, die ihren Kindern heute erlauben, krank zu sein und in liebevoller Umgebung gesund zu werden, die leisten einen großen Beitrag zum gesunden Aufwachsen der nächsten Generation. Dies sollte wertgeschätzt und unterstützt werden und nicht sanktioniert. Familienfreundlichkeit darf in Unternehmen nicht länger ein nettes Banner an der Eingangstür sein, sondern eine gelebte Selbstverständlichkeit, die gerade dann sichtbar wird, wenn es in eben diesen Familien einmal nicht rund läuft.
Abgesehen davon ist es auch personalpolitisch durchaus sinnvoll, junge Eltern in dieser Phase zu unterstützen und ihnen die Fürsorge für ihr Kind zu erleichtern. Die Phase, in der unsere Kinder uns so intensiv und häufig brauchen, ist eine vergleichsweise kurze in unserer Erwerbsbiografie. Bald ist die Zeit der häufigen Infekte und des großen Pflegeaufwandes vorbei. Übrig bleiben Eltern/Arbeitnehmer, die wissen, dass sie ihrem Arbeitgeber viel zu verdanken haben – und die fortan loyal und zuverlässig ihre Frau und ihren Mann stehen.

Es braucht kreative Konzepte

Oft, aber nicht immer, ist es nötig, dass ein krankes Kind sich zu Hause im eigenen Bett erholt. Manchmal reicht auch ein gemütliches Sofa im Büro und ein Elternteil, das einmal in der halben Stunden vorbei kommt, die Stirn streichelt und Tee bringt und ansonsten ihrer Arbeit nachgeht. Co-Working Spaces sind generell eine große Erleichterung, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht – im Krankheitsfall sind sie Gold wert. Arbeitgeber, die Familienfreundlichkeit wirklich leben wollen, sollten einen Ort einrichten, an dem Familie auch sein darf.

Es braucht großzügigere Regelungen

10 Krankheitstage pro Kind – viele haben es schon geschrieben – sind ein Witz. Man fragt sich, ob die Erfinder solcher Regelungen schon einmal ein Kind aus der Nähe gesehen haben. Zumal diese 10 Tage ja auch nur gesetzlich versicherten Angestellten zu gute kommen und alle anderen stehen noch weitaus schlechter da. Mehrkindfamilien werden zusätzlich diskriminiert, indem es für das dritte Kind bereits weniger Tage gibt und ab dem vierten keine zusätzlichen mehr (danke für diesen Hinweis, Kerstin).
Warum reglementiert man die Zeit, in der unsere Kinder krank sein „dürfen“ denn überhaupt? Warum dürfen wir Eltern nicht für unsere Kinder da sein, wenn sie krank sind, egal ob dies nun dreimal, zehnmal oder zwanzigmal im Jahr vorkommt? Wie schon gesagt, diese Phase innerhalb unserer Erwerbsbiografie ist vergleichsweise kurz, wieso kann man sie nicht hinnehmen und all die Unterstützung gewähren, die nötig ist? Und wo wir gerade dabei sind – warum müssen wir unsere kleinen, fiebernden Kinder eigentlich ins Auto packen und zum Arzt fahren, nur damit dieser bestätigt, dass sie krank sind? Wieso darf das nicht auf Vertrauen basieren?
Der Rattenschwanz, den es hinter sich herzieht, wenn Kinder immer wieder mit Infekten in Einrichtungen gehen, kostet das System sicherlich unterm Strich nicht weniger, als es auf Vertrauen und Bedarf basierende Regelungen tun würden.

Es braucht einen ehrlichen Blick auf die Situation

Nachdem ich jetzt vier Forderungen an Politik und Gesellschaft gestellt habe, nehme ich im 5. Punkt doch noch einmal die Eltern in die Pflicht – denn ganz entlassen kann ich euch nicht. Wir haben alle viel versprochen bekommen, als wir vor einigen Jahren in das Projekt „Familie“ gestartet sind. Das ging mir so und das wird euch so gegangen sein. Alles ist möglich, wurde uns gesagt. Nun ja – viele von uns sind mittlerweile leider hart auf dem Boden der Realität gelandet. Es ist vieles nicht möglich und sind wir ehrlich – ALLES ist nie möglich, zumindest nicht ALLES auf einmal. Es gibt Jobs und Karrierewege, die lassen sich unter guten Bedingungen mit Familie vereinbaren – und es gibt welche, da funktioniert das nicht. Das heißt nicht, dass man nicht einen familienunkompatiblen Job haben kann und gleichzeitig Mutter oder Vater sein, aber es heißt, dass man nicht die Person sein wird, die die Kinder hauptverantwortlich ins Leben begleitet.
Einen ehrlichen Blick auf die Situation zu haben, das bedeutet daher meiner Meinung nach, sich zu fragen, was der derzeitige Job von einem abverlangt, wie der Chef eingestellt ist, wie viel Verständnis man im Arbeitsumfeld erwarten kann, wenn eben das Kind krank wird, die Kita wegen Streiks geschlossen hat oder es sich herausstellt, dass das eigene Kind nicht gern von 7 bis 17 Uhr außerhäuslich betreut wird. Wenn man feststellt, dass solche Dinge (die im Alltag jeder Familie von Zeit zu Zeit vorkommen) weder mit dem Job des einen, noch mit dem Job des anderen Elternteils vereinbar sind und dass das ganze schöne Modell ins Wanken gerät, sobald mal wieder Magen-Darm in der Kita umgeht, dann muss gehandelt werden. Ein Vereinbarkeitsmodell, das ganz normale Ereignisse in der kindlichen Biografie (denn das sind Infekte und Kita-Schließtage) nicht abfedern kann, ist auf Sand gebaut und macht alle Beteiligten auf Dauer unglücklich.
Ich kenne viele Väter und Mütter, die sich nach dem Start ins Abenteuer Familie umorientiert haben und damit sehr glücklich geworden sind.

 

So – das waren meine fünf Punkte. Ich bin mir sicher, es gibt noch viel mehr zu diesem Thema zusagen. Genau deshalb seid ihr jetzt dran. Kommentiert, hier oder auf Facebook, schreibt mir, erzählt mir, was eure wichtigsten Punkte sind und wo man noch drehen müsste, damit die Situation, die wir derzeit haben, sich verändert. Ich bin mir sicher, gemeinsam können wir viel rausarbeiten und ich möchte euch einen Ort zu sammeln bieten. Später können wir dann überlegen, an wen wir unsere Forderungen und Gedanken schicken. Wir befinden uns im Wahljahr, liebe Leserinnen und Leser – wird also Zeit, mal als Eltern ein paar Themen zu setzen.

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Ein Gedanke zu „Wie wir das kranke Kind schaukeln können

  1. Ich finde, alleinerziehende Eltern bedürfen besondere Unterstützung. Sie sind gezwungen den Lebensunterhalt und alles Drum und Dran alleine zu bestreiten. Ebenso gibt es auch Familien mit zwei Elternteilen, die besondere Unterstützung brauchen, z.B. ein Kind ist schwerkrank, sehr junge Eltern, sozialschwache Familien….Wenn ich mich als Paar für Kinder entscheide, sollte auch klar sein, dass diese Kinder mindestens ein Elternteil permanent brauchen, besonders wenn sie klein sind. Da kann ich doch nicht die Verantwortung an meinen Arbeitgeber oder den Staat abgeben. Dann könnte man Prioritäten setzen, was die Planung Drumherum betrifft. Ich habe manchmal den Eindruck, wir wollen ALLES und das bitte schnell: das eigene Haus, das große Auto, den guten Job, die Karriere, den tollen Urlaub und versorgte Kinder, am besten noch von tollen Kitas, die 24 h offen haben, Tagesmütter die (schlecht) vom Jugendamt bezahlt werden…. Mir geht diese Anspruchshaltung gegen den Strich.
    Das mag auch daran liegen, dass ich in einem Land aufgewachsen bin, wo es derart Unterstützung von außen nicht gab. Dort mussten die Eltern ( meist die Mütter) schauen, wie sie mit ihren Kindern klar kamen.
    Danke, dass ich meine Meinung hier äußern konnte.

    Gefällt 1 Person

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