Medienerziehung – am Kind orientiert

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Gerade kann man viel zum Thema Mediennutzung bei Kindern lesen. Das liegt zum einen an einer (journalistisch unglaublich schlecht aufgearbeiteten) Studie im Auftrag des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Zusammenarbeit mit dem Drogenbeauftragten der Bundesregierung, deren Teilergebnisse letzte Woche veröffentlicht wurden. Zum anderen ist die Frage danach, was Kinder und Jugendliche schauen, spielen oder surfen dürfen aber auch ein Dauerbrenner unter Eltern. Wie lange ein Kind in welchem Alter TV schauen darf, wann es Zeit wird für das eigene Smartphone und wie wir unsere Kinder im Internet sicher begleiten, das sind die großen Erziehungsfragen unserer Zeit. Eine pauschale, allgemeingültige Antwort darauf gibt es nicht und am Ende trägt jede Mutter und jeder Vater selbst die Verantwortung für das Medienverhalten der eigenen Kinder. Ich möchte euch aber heute trotzdem erzählen, wie ich es mache und was ich für wichtig und richtig halte.

Auch Mediennutzung sollte Bindungs- und Beziehungsorientiert sein

Vorweg sei gesagt, dass wir den Kindern den Zugang zu allen möglichen neuen Medien (Handys, Laptops, Tablets, Spielekonsolen usw.) genauso selbstverständlich ermöglichen, wie wir das mit alten Medien, wie zum Beispiel Büchern tun. Wir sind eine Medien affine Familie und selbstverständlich geben wir das auch an unsere Kinder weiter. Neue Medien sind teil unseres Alltags und dürfen genutzt werden, sie dienen bei uns nicht als Druckmittel, nicht als Belohnung und nicht als Bestrafung, sondern sie sind da – wie der Garten, die Kinderzimmer und mein Mixtopf in der Küche.

Wie in vielen anderen Erziehungsfragen auch, bin ich bei der Medienerziehung für klare Absprachen, die sich an den Bedürfnissen (nicht unbedingt den Wünschen!) der Kinder orientieren. Deshalb ist es mir wichtig, meine Kinder bei diesem Thema eng zu belgeiten. Ich kenne ihre Lieblingsserien fast so gut wie meine eigenen. Innerhalb der letzten Monate bin ich zur Expertin für alle Geschehnisse in und um Ninjago geworden, werde ständig gebeten, Gute-Nacht Geschichten im Fanfiction Style zu erfinden und googele mit den Kindern nach Spoilern zur achten Staffel, mit der im nächsten Jahr zu rechnen ist.

Besonders unser Großer schaut aber nicht nur gern die eine oder andere Serie, sondern hat auch das Zocken schon für sich entdeckt. Das ist nicht unbedingt meine Welt, muss ich gestehen. Das einzige was mich auf diesem Gebiet jemals begeistert hat, war Super Mario auf dem Game Boy – welch ein Glück, dass ich noch einen habe und der Sohn und ich ab und zu gemeinsam damit spielen. Für Minecraft und andere Tablet und Konsolenspiele ist bei uns mein Mann zuständig, der das auch liebend gern übernimmt.

Wichtig ist uns, dass wir wissen, was die Kinder so spielen und schauen und dass wir immer wieder auch dabei sind und mit in ihre Welt eintauchen. Prinzipiell schauen wir uns immer an, ob die Sachen, für die sie sich interessieren altersgerecht sind und ob wir das Gefühl haben, dass sie auch zu unseren Kindern passen, sie nicht überfordern, gruseln oder ähnliches. Neue Dinge, seien es Spiele oder Serien, probieren wir immer gemeinsam aus.

Begrenzte oder unbegrenzte Screenzeit?

Gerade im Bereich der Unerzogen-Bewegung wird immer wieder das Thema unbegrenzte Medienzeit diskutiert. Es geht dabei darum, dass es für viele nicht in die Philosophie eines Verzichts auf Erziehung passt, die Mediennutzung von Kindern zu regulieren. Viel mehr sollen Kinder von Anfang an lernen, diese Regulation selbst zu übernehmen. Die Grundannahme ist, dass Kinder, die ständig Medien frei verfügbar haben, von selbst anfangen, diesen keinen übersteigerten Wert mehr beizumessen.

Ich persönlich handhabe es anders. Meine Kinder sind in einem Alter, in dem sie im Bereich der Mediennutzung noch der Co-Regulation durch Erwachsene bedürfen. Sie können noch nicht alleine spüren, dass nun der Punkt gekommen ist, an dem sie zuviel geschaut oder gezockt haben. Selbst Erwachsene merken dies ja oft noch viel zu spät.

Genauso wenig halte ich allerdings von starren Regeln zur Mediennutzung. Vielmehr finde ich, dass die Nutzungsdauer der Situation angepasst werden muss. Ein spannendes Spiel, bei dem gerade eine bestimmte Aufgabe erfüllt werden muss, mitten in dieser zu beenden, weil ein vorher gesetztes Zeitlimit abgelaufen ist, führt selbstverständlich zur Frustration auf Seiten des Kindes. Auch ist es nicht besonders zugewandt und umsichtig von uns Eltern, dies von den Kindern zu verlangen. Vielmehr sollten wir versuchen zu verstehen, was unser Kind gerade tun möchte und wann es sein gesetztes Ziel erreicht hat und dann gemeinsam einen guten und passenden Endpunkt finden. Dabei ist es wichtig, sich wirklich in die Welt der Kinder zu begeben um differenzieren zu können, ob es sich gerade um die Herausforderung handelt, ein Spiel überhaupt beenden zu können (eine Herausforderung, mit der auch die meisten Erwachsenen noch kämpfen) oder ob es tatsächlich der Logik des Spiels widerspricht, es an dieser bestimmten Stelle zu beenden.

Etwas reglementierter, aber dennoch ähnlich sehe ich das ganze bei Kinderserien. Bei uns wird im Grunde kein lineares Fernsehen mehr geschaut, sondern überwiegend Streaming-Dienste genutzt. Bei einigen ihrer Lieblingsserien haben unsere Kinder also komplette Staffeln zur Verfügung, die sie jederzeit schauen können. Im Normalfall dürfen sich die beiden Großen täglich je eine Folge aussuchen (es sei denn, sie verbringen schon viel Zeit mit Konsole, Handy oder Tablet). Es kann aber vorkommen, dass ich die Zahl der Folgen erweitere – zum Beispiel, wenn sie kurz vorm Staffelfinale stehen und die letzte Sendung gerade mit einem gewaltigen Kliffhänger geendet hat oder wenn es draußen aus Eimern schüttet und all meine kreativen Ideen und Nerven für den Tag bereits verbraucht sind oder wenn einer von uns krank ist.

Müssen Eltern immer dabei sein, wenn Kinder Medien nutzen?

Schon als Studentin habe ich eine Sache tief verinnerlicht – ich glaube ich lernte sie in meinem ersten Seminar im Bereich der Medienpädagogik – Medien sind kein Babysitter und Kinder dürfen niemals vor dem TV, Tablet oder Handy geparkt werden, weil Mama mal müde ist. Das hielt ich lange für irgendwie nachvollziehbar – und habe meine Meinung mittlerweile geändert. Mein Mann und ich begleiten unsere Kinder intensiv in ihrer Mediennutzung – aber wir trauen ihnen auch etwas zu. Wenn sie sich mit einem Spiel beschäftigen das sie bereits gut kennen oder die fünfte Wiederholung von der Zeitklingenmeister-Staffel von Ninjago schauen wollen und gleichzeitig das Kleinkind Mittagsschlaf hält, dann tanze ich manchmal innerlich Samba, mache mir einen Kaffee, plündere meinen heimlichen Schokoladenvorrat und schleiche mich raus. Manchmal mit einem Buch. Manchmal mit meinem Handy und manchmal einfach nur mit mir selbst – und genieße die Ruhe. Was daran falsch sein soll, verstehe ich heute nicht mehr. Eine achtsame Begleitung ist was Gutes und solange diese im Regelfall besteht, dürfen auch Ausnahmen sein, besonders dann, wenn sie zum achtsamen Umgang von Eltern mit sich selbst einladen.

 

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2 Gedanken zu „Medienerziehung – am Kind orientiert

  1. Ich finde deine entspannte und durchdachte Haltung zu dem Thema echt gut. So ähnlich leben wir das auch… Allerdings habe ich schon manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Kinder etwas schauen lasse, weil ich grad so fertig bin und Mal eine Pause brauche… Da sollte ich an mir mal noch etwas arbeiten, denk ich 😉 Herausfordernd fand ich das ganze Thema in der Teenie Zeit… Jetzt, mit 16 Jahren scheint der Große einen ganz guten Umgang vom Zeitumfang gefunden zu haben… Wobei er meiner Meinung nach deutlich früher am Abend aufhören sollte. Nun ja, seufz…

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  2. Pingback: Urlaub mit Kindern – Urlaub??? – FamilienLeben mit Gott

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