Die Vorschul-Pubertät

Gelassen durch die Wackelzahn-Phase

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Ein Krach, ein Bumm, ein lauter Schrei. Mein Vorschulkind sitzt weinend auf dem Boden und hält sich das Bein. Eine ihrer waghalsigen Turnübungen ging schief. Ich kniee mich vor sie und nehme sie in den Arm und sie lehnt sich schluchzend an meine Schulter.

Sie hat sich verändert in den letzten Monaten. Ihre Arme und Beine sind lang geworden, sie passt nicht mehr wirklich auf meinen Schoß, sondern hängt wie ein riesiges Bündel zu allen Seiten über. Und doch braucht sie sie – die feste Umarmung ihrer Mama. Einige Stunden zuvor war es noch anders – da stieß sie mich weg, als ich sie trösten wollte, ich durfte sie nicht einmal anfassen.

So ist es derzeit beinah täglich. Mal braucht sie mich ganz stark und mal muss sie alleine sein. Mal liebt sie uns, ihre Familie und ihren sicheren Hafen, mal ist sie einfach nur wütend auf uns. Oft reichen Kleinigkeiten, das falsche Mittagessen, ein unpassender Witz ihres Bruders, das nicht gewaschene Lieblingsshirt. Dann quillt sie über vor Emotionen und alles ergießt sich über uns. 

Es klingt wie eine Mischung aus Autonomie-Phase und Pubertät und genau das ist es auch. Die Vorschulpubertät, auch Wackelzahn-Pubertät genannt, ist eine oft unterschätzte Lebensphase unserer Kinder – dabei verändert sich zu dieser Zeit so viel. Gerade im letzten Jahr vor der Einschulung machen die meisten Kinder in gleich mehreren Bereichen einen riesigen Sprung: Ihr Körper verändert sich vom knuddelig-rundlichen Kleinkinderkörper hin zum großen, oft irgendwie langen Kind. Manchmal scheint es, als würden sie in dieser Phase ganze Klamotten- und Schuhgrößen überspringen und wir kommen gar nicht hinterher mit dem Nachkaufen oder Aussortieren. Aber auch auf anderen Ebenen können wir feststellen, dass unsere Kinder in diesem Alter auf einmal mehr können und mehr wollen. Dinge, für die sie vor kurzem noch unsere Hilfe brauchten, klappen auf einmal allein. Zusammenhänge, die den Kindern vorher gar nicht klar waren, werden auf einmal durchschaut, Sachverhalte hinterfragt. Viele Kinder diskutieren in diesem Alter unglaublich gern und stellen Regelungen und Abmachungen in Frage. Das kann unglaublich bereichernd sein – und wahnsinnig anstrengend.

Bereichernd und Anstrengend – genauso ist diese Vorschulphase auch für unsere Kinder. Auf der einen Seite merken sie selbst, dass sie täglich autonomer werden, dass sie mehr können, mehr dürfen, mehr wollen und mehr verstehen. Das freut sie, macht sie mutiger, eigenständiger und fordernder. Auf der anderen Seite machen ihnen diese ganzen Veränderungen Angst. Mehr denn je müssen sie sich nun versichern, dass wir sie so annehmen, wie sie sind. In dieser Lebensphase müssen unsere Kinder deutlich spüren, dass wir ihnen Wurzeln und Flügel geben wollen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen dürfen und wir diese respektieren. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir unseren Kindern vermitteln, dass wir da sind – ohne wenn und aber.

Unsere Kinder stehen in der Vorschulalter vor ihrem ersten richtig großen Schritt in die Welt. Denn wenn wir sie in die Schule schicken, müssen wir sie auf eine Art und Weise loslassen, die wir bisher nicht kannten. Zwar gingen die meisten von ihnen auch vorher schon allein in den Kindergarten, aber die Schule ist etwas anders. Während wir sie jederzeit hätten aus der Kita nehmen können, wenn wir ein ungutes Gefühl dabei gehabt hätten, ist die Schule ein Ort, den das Kind besuchen muss. Der Staat greift mit dem Schulbesuch durch sein Bildungsmonopol in unser Leben ein und hat fortan ein gewisses Mitbestimmungsrecht, was den Alltag unserer Kinder angeht. Stundenpläne, Hausaufgaben, das 1×1, das noch abgefragt werden muss oder das Buch, aus dem das Kind jeden Tag 10 Minuten vorlesen soll, all das prägt zukünftig unseren Alltag. Wir entscheiden nicht mehr allein, wie unsere Kinder ihre Zeit verbringen, wann sie wo zu sein haben und wer mit ihnen Zeit verbringen darf. Unsere Kinder müssen mit Schuleintritt Beziehungen mit anderen erwachsenen Menschen klären und eingehen, ohne dass wir darauf Einfluss nehmen können. Natürlich können wir uns einschalten, wenn es problematisch wird, das sollten wir sogar. Doch erst einmal bleibt der Schulalltag eine Sache zwischen Lehrern und Kindern, mit der wir nicht viel zutun haben. Dass diese Veränderung auf allen Seiten gemischte Gefühle auslöst, ist allzu verständlich. Die Vorschulphase ist auch für uns Eltern somit eine gute Übung. Unsere Kinder geben uns in dieser Phase auf den ersten Blick oft widersprüchliche Signale. Es scheint, als sagen sie uns im ständigen Wechsel, dass wir ganz nah bei ihnen sein sollen und dass wir sie bitte in Ruhe und allein machen lassen können.

Nun, genau das kommt auf uns Eltern zu, wenn unsere Kinder von Kindergartenkindern zu Schulkindern werden. Schulkinder brauchen uns. Sie brauchen uns dringend, sie brauchen uns eng bei sich, sie brauchen unsere Aufmerksamkeit, unser Interesse, unser Mitgefühl – unsere Unterstützung. Aber Schulkinder brauchen auch unser Vertrauen. Sie brauchen es, dass wir loslassen und dass wir sie machen lassen. Manche möchten vielleicht, dass wir bei den Hausaufgaben daneben sitzen, andere möchten sie uns nicht einmal zeigen, weil es ihre Sache ist und die des Lehrers oder der Lehrerin. Manche erzählen uns ganz viel, von anderen erfahren wir gar nichts. Manche wollen mit uns zusammen ihren Ranzen packen, andere machen das ganz allein und möchten nicht, dass wir derart in ihre neue Privatsphäre eindringen. Wir Eltern müssen in dieser Zeit lernen, unsichtbar verfügbar zu sein. Wir müssen lernen, in dem einen Moment, in dem wir gebraucht werden, da zu sein und uns in der restlichen Zeit zurückzuhalten. Wir müssen lernen, es auszuhalten, dass unsere Kinder nicht mehr alles mit uns ausmachen wollen, sondern mit sich selbst, der Lehrerin oder der Schulfreundin und wir müssen uns darauf gefasst machen, dass durchaus noch sehr viel kommt, dass sie ganz dringend und sofort mit uns ausmachen müssen.

Die Vorschulpubertät ist also für beide Seiten eine gute Übung. Unsere Kinder lernen, uns in Frage zu stellen und wir lernen, dies zu zulassen. Und auch in dieser Phase, die wir manchmal als anstrengend und schwierig empfinden gilt, unsere Kinder rebellieren nicht. Sie machen nichts gegen uns – sie tun nur etwas für sich!

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5 Gedanken zu „Die Vorschul-Pubertät

  1. Ich habe auch so einen langen Kerl hier, der meinem Schoß vermutlich entwachsen will. Allerdings genieße ich diese Phase gerade sehr… Ist sicherlich bei jedem Kind verschieden. Mein großer Sohn kam dagegen von der Kleinkind-Pubertät in die Vorschul-Pubertät, dann in die Vorpubertät und ist jetzt in der Pubertät… Ein bisschen Bauchweh hab ich allerdings gerade wieder vor dem Schulbeginn. Wie das wohl wird? (Das liegt aber weniger an meinem Sohn und mehr an der Schule, denke ich.)

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  2. Pingback: Wackelzahnpubertät - wie sich die Wut anfühlt - Allerlei Magazin

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