Ein Mädchen, Ende 30!

Für meine Mama – die mir beigebracht hat, niemals Angst vor dem Älterwerden zu haben!

Es begann ganz langsam. An meinem letzten Geburtstag fragte mich einer meiner Gäste, wie alt ich eigentlich geworden sei. Ich antwortete strahlend und sehr zufrieden, dass ich 37 sei. Ich strahlte und war glücklich, weil ich bis dato überhaupt kein Problem mit dem Älter werden hatte. Im Gegenteil. Ich empfinde diese Lebensphase, die Mittdreißiger, als die beste meines bisherigen Lebens. Ich habe mich selten so wohl mit mir selbst gefühlt, wie in den letzten fünf bis sieben Jahren. Ich habe mich selten so angekommen, so echt und so geliebt gefühlt. Ich liebte diese Lebensphase und freute mich auf die Enddreißiger und auf die Vierziger, weil ich es toll fand. Zurück zur Teeniezeit oder in die Twens? Niemals. Warum sollte ich nochmal auf die Marathonstrecke gehen, wenn ich doch am Ziel war?

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Doch dann saß ich am Wochenende auf einmal da und las meine neuste Dark-Fantasy  Reihe. Zu Dark-Fantasy gehören neben Werwölfen und Vampiren anscheinend auch immer Teenager. Sie spielen die Hauptrolle in den Geschichten, sie erleben die großen Abenteuer und ihren gehören die ganz großen Gefühle. Es sind ihre Geschichten, die die Leserherzen zum Schlagen bringen und die uns mitnehmen auf Reisen in fremde Welten. Bei Edward und Bella fiel es mir damals nicht schwer. Ich rannte mit den Vampiren, verliebte mich in Alice Cullen und irgendwie auch in Esme. Damals war ich 29 und zum ersten Mal schwanger. Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, dass diese Geschichte von einer Generation handelt, der ich nicht mehr angehöre. Jetzt ist das anders. Ich lese die Geschichten meiner 16, 17 und 18 jährigen Protagonisten und finde sie immer noch großartig – und ich merke, dass ich fremdele. Neben den eigentlich Hauptcharakteren schlägt mein Herz für einen Mann, der als Werwolf mittleren Alters beschrieben wird – er ist 38. Als dann noch eine gleichaltrige Frau eben so beschrieben wurde – mittleren Alters – kam ich ins Wanken. War ich das auch? Eine Frau mittleren Alters? Gestern war ich gefühlt noch postadoleszent – und heute soll ich mittleren Alters sein?

Ich versuchte herauszufinden, was das eigentlich war, das mittlere Alter. Rein rechnerisch balanciere ich wohl schon irgendwo in der Nähe von dem entlang, was, wenn man meine Lebenserwartung durch zwei teilt, dann irgendwann einmal ein mittleres Alter sein könnte. Doch soziologisch ist es wohl eher die Phase des leeren Nestes, die Phase nach der Rushhour in der ich mich gerade befinde, eine Phase also, die ich halb herbeisehne und die doch noch ganz weit weg erscheint.

Okay, dann bin ich es wohl ein bisschen und ein bisschen nicht. Vielleicht bin ich eine junge Frau mittleren Alters oder ein altes Mädchen? Aber warum ist das eigentlich wichtig? Natürlich bin ich nicht mehr die, die ich mit Anfang 20 war und darüber bin ich, siehe oben, mehr als froh. Und doch, irgendwie habe ich mir das mittlere Alter anders vorgestellt. Reifer, vernünftiger, älter! Nicht so, wie ich mich fühle, jedenfalls.

Ich schaue noch einmal in die Welt meiner Literatur. Früher, da war es Harry Potter. Ich war den Protagonisten immer ein paar Schritte voraus – und doch war ich Hermine. Von ganzem Herzen Hermine. Und später war ich Tonks, ich verliebte mich mit ihr zusammen in Lupin, bejubelte ihre Schwangerschaft und hasste J.K. einige Kapitel später abgrundtief für das, was sie ihr antat – und mir. Einige Jahre später las ich es nochmal, als Vorbereitung auf ein Uni-Seminar, das ich mit meiner besten Freundin zusammen anbot – und auf einmal waren wir nicht mehr Tonks oder Hermine, wir waren Molly – Molly Weasley und wir waren es von Herzen. Und irgendwie erschien es mir logisch (abgesehen davon, dass Molly das Ende der Romanreihe wenigstens erlebt) – schließlich teilten Molly und ich etwas ganz entscheidendes – die Verantwortung für eine Familie.

Ist es also an der Zeit, den Teenie-Romanen abzuschwören und nach den Geschichten zu suchen, die von den Molly Weasleys dieser Welt handeln? Und ist es dann  ebenso Zeit sich einzugestehen, dass die Jahre der großen Gefühle und Abenteuer vorbei sind und dass ein gut geführter Haushalt, ein zufriedenstellender Job und die Kinder nun der Alltagskick sind?

Ja und nein. Nein, weil das Teeniemädchen in mir nicht weg ist, weil ich noch immer mit Alice Cullen renne und um Tonks weine, weil ich die Teenies meiner neuen Serie ins Herz geschlossen habe, auch wenn sie sich manchmal jung und dumm benehmen. Nein, weil es ja zum Glück neben minderjährigen Hauptfiguren in jeder Geschichte Werwölfe mittleren Alters gibt und Jahrhunderte alte Hexenmeister (die allerdings trotzdem aussehen wie 19 und deren heimliche Affären etwa in diesen Alter sind, was mich zu der Frage bringt, ob auch Unsterbliche in eine Midlife-Crisis geraten können) .

Und ja – natürlich ist die Zeit der Teenie-Romane zu Ende. Zumindest was all die Teile angeht, die mit der ersten großen Liebe zutun haben und die davon handeln, dass jemand seinen Platz in der Welt sucht. Diese Zeit ist vorbei und – verdammt nochmal – zum Glück ist sie das! Werfen wir noch einmal einen Blick auf all die Protagonisten meiner Romane. Was treibt sie denn an? Was motiviert Harry, Ron und Hermine, was Tonks und Lupin, was Bella oder Clary, Jace, Simon, Alec und Magnus? Was bringt sie dazu, morgens aufzustehen und gegen Dämonen, Volturi oder dunkle Magier zu kämpfen, statt einfach wegzurennen?Was suchen sie? Sie suchen Liebe, nach Liebe und Sicherheit. Sie wollen sich eine Welt schaffen, in der sie in Frieden leben können, in der sie Kinder haben dürfen, ein Eigenheim und ihre Ruhe. Sie alle wollen genau das, was ich bereits habe. Neben der Tatsache, dass sie ihren Alltag mit seltsamen Wesen teilen und dass sie nicht einfach nur studieren oder einem 0815-Job nachgehen, sondern sich den Schrecken der Unterwelt stellen, sind auch sie auf der Strecke, auf der Marathonstrecke zu sich selbst und zur großen Liebe.

Wenn das mittlere Alter bedeutet, dass ich diese Marathonstrecke nicht noch einmal laufen muss, dann finde ich das wunderbar. Ich stehe hier am Etappenziel. Ich habe ein bisschen gekämpft für dies und das, ich habe meine eigene große Liebesgeschichte gehabt, die es mit jedem Teenie-Roman aufnehmen kann und habe sie bis heute und ich habe all das, von dem wir träumen, wenn wir losrennen. Jetzt stehe ich hier, kurz vor der Lebensmitte und weiß, dass es auch im zweiten Teil noch genügend Strecken gibt, für die es sich zu rennen lohnt. Es gibt noch viele Ziele, Ufer, Veränderungen und Kicks. Es gibt noch Luft, viel Luft nach oben. Aber ich muss nicht mehr warten und nichts mehr beweisen. Alles was ich ab jetzt tue, tue ich für mich.

Eine Frau mittleren Alters, ja, vielleicht werde ich das bald. Aber das macht nichts, ich werde es feiern, meine Freundinnen einladen und dann rennen wir zusammen mit Alice Cullen, weinen um Tonks und trinken mit Magnus einen Cocktail – denn genau das tun Mädchen doch, wenn sie Ende 30 sind, oder?

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5 Gedanken zu „Ein Mädchen, Ende 30!

  1. Hallo Daniela,

    vielen Dank erstmal für deinen tollen Blog, er spricht mir regelmäßig aus dem Herzen und ich erkenne mich oft mit meinen Gedanken darin wieder…
    Vorallem heute an meinem 36.Geburtstag!!! bringst diesen Artikel… Glücklich verheiratet und mit 4 Kindern, Freude an meinem Job, bin ich jetzt da, wo ich sein will. Eben angekommen.
    Also vielen Dank für dieses passende Geburtstagsresümee

    Liebe Grüße Claudia

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    • Liebe Claudia, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!! Lass dich heute richtig feiern von deiner großen Familie. Schön, dass es dir bei mir gefällt und ich dir ein kleines Geschenk machen konnte.
      Liebe Grüße

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  2. Mir geht es genau so wie dir, ich fühle mich jetzt mit Mitte 30 so viel besser und bei mir selbst angekommen als in den 20ern… „Mittleres Alter“, ich find das klingt gut. Mein Mann hat die 40 eh schon geknackt und viele im Freundeskreis auch. Eines Tages kam mein grosser Sohn und meinte zu ihm: „wir haben einen neuen Lehrer. Der ist schon etwas älter.“ Mein Mann: „Wie alt etwa?“ Sohn überlegt kurz: „So ungefähr wie du.“ So viel zum Thema mittleres Alter… So viel dazu 🙂 Für mich ist eigentlich die größte Herausforderung, zugleich teenie- und Kleinkind Mama zu sein… liebe Grüße, Martha

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