Das Gute sehen – in uns Eltern

Wenn Ihr findet, mein letzter Artikel hätte Euch herausgefordert, dann kommt es heute noch dicker. Denn heute lade ich Euch nicht dazu ein, das Gute in Euren Kindern zu sehen, nein, heute will ich noch mehr von Euch. Ich will, dass ihr das Gute seht – und zwar in Euch, in Euch als Eltern.

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Seien wir ehrlich, diese Defizitorientierung, die wir überall sehen und beklagen, die könnte wir selbst erfunden haben. Wir sind in vielen Bereichen unglaublich defizitorientiert. Wir sehen so oft nur das, was wir gerade nicht haben, das was gerade nicht geklappt hat, das was bei anderen scheinbar besser läuft. All die Geschenke, die man uns im Laufe unseres Alltags an den Wegrand legt, die übersehen wir hingegen gern.

Den blindesten Fleck haben wir jedoch, wenn es um uns geht – um uns als Eltern. Nein, wir sind nicht immer die perfekten Mamas und Papas, die wir gerne wären. Wir wären gerne zu jeder Zeit einfühlsam, empathisch und präsent im Leben unserer Kinder. Wir wollen nicht schimpfen, nicht brüllen oder strafen. Wollen nicht ungerecht sein, wollen nicht auf unserem Handy tippen, während sie uns was erzählen. All das tut man nicht als gute Mutter oder als guter Vater – und doch tun wir es. Wir tun es, weil wir Menschen sind und weil all das menschlich ist. Wir tun das, weil unsere Tage oft lang sind und unsere Nächte kurz. Wir tun es, weil wir den Druck, den wir immer wieder spüren, nur so ertragen können. Das ist nicht schön, weder für unsere Kinder, noch für uns. Doch es nützt nichts, dabei stehen zu bleiben. Eine ernstgemeinte Entschuldigung kann ein Anfang sein und uns selbst vergeben dann der nächste Schritt. Wenn wir das gemacht haben, dann dürfen wir vergessen – und weitergehen.

Wir müssen lernen, die schönen Momente in unserem Kopf zu verankern, die in denen wir großartig waren. Die vielen kleinen Augenblicke am Tag, an denen wir unseren Kindern Gutes getan haben. Die Mahlzeiten, die wir ihnen zubereitet haben. Die Geschichten, die sie uns erzählt haben und die wir geduldig mit angehört haben, die Nächte in denen wir eng bei ihnen waren und sie nicht allein ließen. All das ist großartig. Wir stehen jeden morgen auf – oft mindestens zwei Stunden bevor wir das eigentlich wollen würden. Wir schaffen es, dass sie in den Tag starten, wir machen Brote und Mittagessen, wir holen sie irgendwo ab und wir bringen sie woanders hin. Wir spielen mit ihnen, reden, hören Geschichten. Wir sind ganz oft ganz unglaublich geduldig und stehen stundenlang vorm Gartenzaun und schauen einer Schnecke zu . Wir sind ganz oft zum Schreien komisch und machen uns für unsere Kinder zum Affen, nur damit sie Spaß haben. Wir sind ganz oft unglaublich empathisch und trösten und beruhigen und machen unsere Arme ganz weit, damit unsere Kinder darin Trost finden. Wir sind ganz oft starke Löwinnen und Löwen und verteidigen unsere Kinder gegenüber allen, die ihnen Böses wollen.

Aber das Wichtigste: Wir leben unseren Kindern vor, dass es okay ist, einfach nur ein ganz normaler Mensch zu sein, ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Ein Mensch, der Fehler macht und auch mal schwach ist. Und wisst Ihr, wann wir das machen? Genau in den Situationen, in denen wir uns furchtbar fühlen. Genau dann, wenn wir eben Dinge tun, für die wir uns hinterher Vorwürfe machen. In dem Moment nämlich, indem wir uns entschuldigen, zeigen wir eine solche Menschlichkeit und gleichzeitig eine solche Größe – wir sind unseren Kindern genau dann, in unseren schwächsten Momenten die besten Lehrmeister. Wir zeigen ihnen, dass Fehler okay sind, wir zeigen ihnen, wie Vergebung funktioniert. Wir sind großartig – auch und gerade in den Momenten, in denen wir uns falsch verhalten. Kinder brauchen lebendige Gegenüber und keine pädagogisch wertvollen Maschinen.

Wir dürfen das Gute in uns sehen, denn es ist da, jeden Tag, in unseren ganz normalen starken und schwachen Eltern-Momenten.

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