Akzeptanz, Toleranz oder was?

7 Thesen über den Umgang mit sexueller Vielfalt

Bei uns in Hessen sind jüngst alte bildungspolitische Grabenkämpfe wieder aufgeflammt. Konkret entzündet sich der Unmut  am neuen Bildungsplan, und insbesondere an Passagen zur sexuellen Vielfalt. Die FAZ berichtete kürzlich darüber, dass sich zwischen Frankfurt und Kassel wieder Proteste gegen dieses Ansinnen formieren. Widerstand leistet auch der  hessische Landeselternbeirat, der bisher nicht durch seine konservative politische Ausrichtung aufgefallen ist, sondern im Gegenteil, als SPD nah galt. Überstimmt wurde er vom CDU-Minister. Allein diese seltsame Konstellation zeigt, wie zerrissen unsere Gesellschaft derzeit bei Fragen zur Akzeptanz sexueller Vielfalt ist. Während die katholische Kirche fest an der Seite der Gegner des Bildungsplanes steht, findet er in der evangelischen Kirche Zuspruch – die Position einzelner Gemeinden hingegen dürfte auch bei den Protestanten weit von der offiziellen Einstellung weg sein. Doch woher kommt es, dass die Frage danach, wie viel von unterschiedlichen Lebensformen unsere Kinder in Schule und Kindergarten mitbekommen dürfen, so derart polarisiert? Und brauchen wir jetzt einen Lehrplan, der sexuelle Vielfalt mit einschließt oder ist das völlig unnötig?

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1. Wer Vielfalt lebt, schlägt jeden Plan

Meine Kinder benötigen keinen Bildungsplan zur sexuellen Vielfalt. Sie brauchen keine Geschichten im Deutschbuch, in denen ihnen Ari von seinen zwei Mamas erzählt. Dass sie das nicht nötig haben, hat gute Gründe – vier gute Gründe, um genau zu sein. Diese sind zwei mal zwei und zwei mal 37 Jahre alt und wohnen im Reihenhaus nebenan – zusammen mit Oma und Opa der beiden Zweijährigen. Klingt nach spießigem Vorort-Idyll und genau das ist es auch, nur dass die beiden 37-jährigen zwei Papas sind, die gemeinsam ihre Zwillingssöhne ins Leben begleiten. Die beiden Papas haben sich bewusst dafür entschieden, ihre Kinder nicht in Köln, Berlin oder Frankfurt aufwachsen zu lassen, sondern in einem Vorort in der nordhessischen Provinz. Dadurch leisten sie einen größeren Beitrag zur Akzeptanz von sexueller Vielfalt, als es jeder Kita-Koffer, jedes Deutschbuch oder jeder Lehrplan jemals könnte.

Ist das dann also die Lösung? Die Regenbogenfamilien müssten sich einfach nur etwas weitläufiger übers Land verteilen und schon kommt die Akzeptanz von ganz allein? Ja und nein. Ja, weil man das, was man als „normal“ erlebt, dann eben auch normal findet. Ja, weil Kinder, die erleben, dass ihre Eltern mit der Regenbogenfamilie von nebenan grillen, gar nicht mehr irritiert sein können, wenn Ari im Deutschbuch von seinen zwei Mamas erzählt. Sie werden sich allerhöchstens fragen, was an Aris Geschichte nun so besonders ist. Ja, weil ich der festen Meinung bin, dass die Geschichte der Elternbeiräte, die sich gegen den Bildungsplan auflehnen, etwas anders verlaufen wäre, würden sie neben meinen Nachbarn wohnen. Denn dann könnten sie ja gar nicht anders, als sich eine kindgerechte Geschichte dazu einfallen zu lassen, wie auch zwei Männer gemeinsam Babys haben können.

2. Schulbücher sollten Spiegel der Gesellschaft sein

Und nein, schwule Nachbarn zu haben, ist nicht die Lösung aller Probleme und macht auch keine Bildungspläne zur sexuellen Vielfalt unnötig. Denn Vielfalt, die kommt, wie das Wort schon sagt, in vielfältigen Formen vor. Da gibt es die Regenbogenfamilie, genau wie die Patchworkfamilie, das Co-Parenting oder die alleinerziehende Mutter und dazu ganz viele von uns, den klassischen Familien aus Vater, Mutter und Kindern. Mittlerweile findet man in jeder Schulklasse mindestens eine Handvoll Kinder, die nicht in der normierten Vater-Mutter-Kind Kleinfamilie aufwachsen. Wieso sollten nicht auch die sich gelegentlich einmal in Schulbüchern wiederfinden?

Ist dann also alles richtig, was in diesem Bereich passiert? Gute Frage – schauen wir einmal genau hin, WAS eigentlich genau passieren soll. Schulbücher sollen zukünftig die gesellschaftliche Realität genauer abbilden und zu dieser gehören, neben der klassischen Familie eben auch andere Familienformen. Kinder begegnen ihnen im Alltag, warum dann nicht auch im Schulbuch? So weit so akzeptiert, zumindest von mir. Kinder sollen Andersartigkeit nicht als Mangel, sondern als Teil von Vielfalt und als Chance sehen – was für ein wunderbarer Ansatz, gerade wenn wir schauen, was für schlimme Mobbingerfahrungen Schüler zum Teil machen müssen, weil sie in irgendeinem Bereich „anders“ zu sein scheinen. Das ist wichtig und unterstützenswert und zwar nicht allein in Bezug auf sexuelle Vielfalt. Der Kita-Koffer leistet einen Beitrag dazu. Prinzessin Pfiffigunde, die nicht wirklich dem Klischee einer Märchenprinzessin entspricht, findet sich darin, genau wie der Elefant Elmar, der, im Gegensatz zu allen anderen Elefanten, knallbunt ist oder die Fledermaus Fledolin, die einfach andersherum hängt und das Leben somit aus neuer Perspektive wahrnimmt. Wenn das wirklich ein Grund ist, sich aufzuregen, dann finden sich in deutschen Kitas, Grundschulen und Kinderzimmern noch viele andere Gründe für Bluthochdruck, nämlich immer dann, wenn Lebewesen in Bilderbüchern nicht haargenau die traditionellen  Rollenklischees erfüllen.

3. Sexuelle Aufklärung durch die Schule hat Grenzen

Also alles easy? Nicht ganz. Denn neben diesen Fördermaßnahmen der Akzeptanz von Vielfalt sieht der Bildungsplan auch weitere Aufgaben vor, die zu Recht nicht jedem Elternteil gefallen. Wann ein Kind zum ersten Mal ein Kondom kauft – und sei es nur zum Spaß –, das sollte man dem Kind selbst überlassen. Es hat viel mit individueller Reife zutun, die man, wie in so vielen anderen Bereichen des Bildungssystems, nicht erzwingen kann. Es ist gut, ein Umfeld bereit zu stellen, das offen ist für die Fragen von Kindern und ich persönlich bin ein großer Fan von früher und ehrlicher Aufklärung. Allerdings muss man bei diesem Thema berücksichtigen, dass es Bindung, Bezug und Vertrauen braucht, damit Kinder und Jugendliche das, was man ihnen zu diesem Thema näher bringen möchte, auch annehmen. Wenn die falsche Person vor ihnen steht und über Kondome, Oralverkehr oder Selbstbefriedigung reden möchte, oder dies in einer ungünstigen Gruppenkonstellation stattfindet, setzt man Kinder und Jugendliche unnötiger Scham aus. Eine Debatte darüber, wie viel Bildungsauftrag die Schule in diesem Bereich tragen muss, wie viel sie tragen kann und wie viel sie tragen sollte, ist daher unverzichtbar.

4. Vielfalt ist mehr als Gender-Debatte

Doch das erklärt längst noch nicht, warum die Gegner des Bildungsplans derart Schaum vorm Mund haben und warum die Gegner der Gegner ebenfalls zu Fackeln und Mistgabeln greifen. Vielmehr wird darin eine gesellschaftliche Polarisierung sichtbar, die nicht zuletzt im Netz ausgespielt wird. Während wahrscheinlich jeder noch so konservative Familienvater im Reallife nichts gegen ein Glas Rotwein mit meinen Nachbarn hätte, schlagen viele im Internet ganz andere Töne an. Dort wird die Bewegung zur sexuellen Vielfalt gleichgesetzt mit dem derzeit größten Reizwort der gesellschaftspolitischen Debatte – Gender! Worum geht es dabei? Gender bezeichnet das soziale Geschlecht, oder besser gesagt die Eigenschaften von Männern und Frauen, die diese nicht von Haus aus (also biologisch) mitbringen, sondern die ihnen gesellschaftlich anerzogen werden. Es ist nicht verwerflich, auch diesen Teil unserer sexuellen Prägung mitzudenken und zu reflektieren. Im Gegenteil, es ist sehr nützlich. Doch aus irgendeinem Grund ranken sich um diesen Begriff mittlerweile größtmöglich abstruse Mythen, die sowohl Gegner wie Anhänger prägen. Die Polarisierung dieses Themas geht soweit, dass man sich gegenseitig mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen überzieht, Hauswände mit Farbbeuteln oder Schlimmerem bewirft und versucht, Veranstaltungen der einen oder der anderen Seite durch lautstarke, niveaulose Proteste zu verhindern. Was für ein Affentheater! Ein Bildungsplan, bei dem es darum geht, Vielfalt, sowohl im sexuellen, als auch in an anderen Bereichen, sichtbar zu machen, darf nicht zum Nebenschauplatz eines außer Kontrolle geratenen Kampfes um Begrifflichkeiten werden.

5. Wir sollten akzeptieren, nicht tolerieren

Viel wird aber auch um den Begriff der Akzeptanz gekämpft. Will man wirklich akzeptieren oder sollte es nicht reichen, zu tolerieren? Akzeptanz bedeutet, dass wir etwas annehmen, als normal ansehen und beispielsweise mit unseren Nachbarn grillen gehen, egal ob sie schwul sind, lesbisch sind oder täglich ihr Geschlecht wechseln. Tolerieren hingegen heißt, dass wir sie für das, was wir sind, nicht diskriminieren und nicht bestrafen, dass wir uns aber durchaus von ihnen abschotten und lossagen dürfen. Dass wir statt grillen zu gehen den Zaun lieber einen halben Meter höher bauen würden und den Kindern erzählen, dass die Nachbarskinder ja nichts dazu können, dass ihre Papas so seltsam sind. Jemand, der Liebe lebt, wird daher akzeptieren, jemand, der sich von Furcht vor dem ihm Unbekannten leiten lässt, bleibt beim Tolerieren stehen.

6. Akzeptanz ist keine Einbahnstraße

Zweifellos: Es ist schwer, in spießigen Vororten oder konservativen Stadtteilen Akzeptanz für Menschen zu schaffen, die diese selbst nicht leben. Über einige der Protagonisten, die im Netz oder in Talkshows sexuelle Vielfalt und Gender Mainstream vorantreiben wollen, kann man sich nur wundern. Ihnen geht es nämlich gar nicht darum, die eigene Lebensform als gleichwertig anerkennen zu lassen, sondern ihr  Leben zum neuen Ideal zu erklären. So wird die bürgerliche Kleinfamilie angeblich zum Auslaufmodell, die Mutter zuhause zum Heimchen am Herd, die Ehe ein Relikt aus alter Zeit, lebenslange Treue ein Mythos und die Zweierbeziehungen eine große gesellschaftliche Lüge. Da ist dann die alleinerziehende Mutter, die nicht viel Gutes in ihren Ehen und Beziehungen erlebt hat und die die Abschaffung der Ehe fordert, weil sie nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint – und die alle Ehefrauen zu Beruhigungsmittel-Junkies und alle Ehemänner zu Puffgängern erklärt. Da ist der Co-Parenting Dad, der auf einmal herausgefunden hat, dass die bürgerliche Kleinfamilie Kindern gar nicht die Möglichkeit geben kann, gesund und glücklich aufzuwachsen, da sind Intersexuelle, die die Auflösung sämtlicher Geschlechter fordern – weil diese uns ja alle nur lähmen. Frei nach dem Motto, dass abgeschafft gehört, was für einen selbst nicht passt, wird so mancherorts das Gegenteil von der geforderten Akzeptanz propagiert. Tatsächlich erweisen so einige Protagonisten dieser Bewegung einer eigentlich guten Sache einen Bärendienst.

7. Die Liebesbotschaft Gottes zählt

Und ich als Christin? Müsste ich da nicht gegen eine Akzeptanz von Lebenswegen sein, die nicht dem klassischen Mann-Frau Schema entsprechen?   Nein! In den wenigen Stellen, in denen in der Bibel überhaupt von gleichgeschlechtlicher Liebe die Rede ist, kommt diese zwar nicht gut weg – allerdings geht es dabei auch nie um verantwortungsvolle Paarbeziehungen. Dem gegenüber stehen das Liebesgebot, dass sich durch das gesamte Neue Testament zieht und die Tatsache, dass Männern und Frauen gesagt wird, dass sie alle Rollen annehmen dürfen, die ihnen gesellschaftlich zugestanden werden. Die Bibel sieht also meiner Meinung nach eindeutig Weiterentwicklungen und Neubewertungen der Verhältnisse vor. Viel wichtiger finde ich aber: Letztlich ist es sowieso gar nicht an mir zu entscheiden, welche Lebensform Gott gefällt und welche nicht. Ich kann nur entscheiden, wie ich mit den Menschen umgehen will, die mir im Laufe meines Lebens begegnen. Ein Weg der Akzeptanz und der Liebe scheint mir da gut zu passen – (und irgendwie habe ich das Gefühl, damit könnte ich mich in eine gute Tradition begeben).

 

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7 Gedanken zu „Akzeptanz, Toleranz oder was?

  1. „Wir sollten akzeptieren, nicht tolerieren“ Ich verbinde mit den Begriffen etwas völlig anderes. „Akzeptanz“ bedeutet für mich einfach nur ich weiß, dass es das gibt. Ich kann dagegen sein, dafür, es bekämpfen, sogar der Feind dieser Gruppe sein. „Toleranz“ geht bei mir weiter, ich habe es akzeptiert und toleriere diese Gruppe, ja vielleicht auch nur neben mir, vielleicht mag ich sie nicht aber mindestens räume ich ihr die gleichen Rechte ein. Beide Begriffe bedeuten nicht, dass ich diese Gruppe verstehe, es nachvollziehen kann usw. . Trotzdem, ist Toleranz für mich der freundliche Begriff, Akzeptanz nur die anerkannte Wahrnehmung.

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    • Ich glaube das Toleranz von dir als so wahrgenommen wird, liegt an der öffntlichen Diskussion und den Medien. Es wird sehr oft über Toleranz geredet, man soll tolerant sein, von akzeptieren ist nie die Rede. Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt, einfach mal googlen und wikipedia nutzen.
      Tolerạnz => Achtung und Duldung gegenüber anderen Auffassungen, Meinungen und Einstellungen.
      Akzeptanz => von lat. „accipere“ für gutheißen, annehmen, billigen
      Da ich die Begriffe genau so verwende, hören sich deine Äußerungen unten über Pädophile für mich sehr schräg an. Klassisches Missverständnis.

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    • Danke für deine Ausführungen. In der Debatte um das Thema werden die Begriffe so verwendet, wie ich es oben beschrieben habe und genau darum wird gerungen. Deshalb habe ich das jetzt auch mal so aufgegriffen.

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      • Ich mag den Begriff Toleranz. Ich kann nie wirklich verstehen, was über mein Kopf/Körperbewustsein hinaus geht. Homosexualität z.B. wie soll ich je nachvollziehen können was ein Mann an einem Mann findet, warum er ihn liebt. Aber ich kann es akzeptieren und tolerieren, ihn machen lassen. Wer dieses Argument schräg findet, dann setze ich mal einen drauf. Pädophile finden Kinder sexuell anziehend. Ich akzeptiere, dass sie so Fühlen, werde aber nicht tolerieren, wenn sie es ausleben und verstehen wirklich über die logische Ebene hinaus kann ich nicht. Und auch viele Pädophile haben akzeptiert, dass sie so sind, aber leben es nicht aus. usw.
        Deshalb, halte ich es für schwierig diese Begriffe als definiert zu betrachten und sie in eine Überschrift zu setzen. Vielleicht ist die Wahrnehmung auf diesen Ebenen so komplex und individuell, dass man sich hüten sollte es auf ein Wort herunter zu brechen und Verständnis zu erwarten.

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