Mit Kindern über den Tod sprechen

Egal, ob sich nun ein schlimmes Ereignis, wie letztes Jahr in Paris abgespielt hat oder ob der Tod unmittelbar in unser eigenes Familienleben eingebrochen ist oder aufgrund einer schweren Krankheit im Raum steht – irgendwann kommen wir an den Punkt, an dem unsere Kinder uns Fragen zum Thema Tod und Sterben stellen. Viele Eltern sind unsicher, wie sie dieses schwere Thema mit ihren Kindern besprechen können, ohne unnötige Ängste zu schüren, aber auch ohne die Fragen und Gedanken der Kinder herunter zu spielen.

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Wir haben die Erfahrung gemacht, dass – egal ob es um lebensbedrohliche Krankheiten geht oder um plötzliche Verluste, maximale Ehrlichkeit auch gegenüber Kindern wichtig ist. Kinder merken, wenn das, was wir ihnen auf ihre Fragen antworten, nicht authentisch ist. Sie merken, wenn wir versuchen, etwas, was uns tief bewegt, in möglichst leichte Worte zu fassen. Der Inhalt unseres Gesagten passt dann oft nicht zu der Schwere, die die Kinder an uns wahrnehmen. Das Thema bekommt so erst recht etwas Verwirrendes und oft Verstörendes für unsere Kinder.

Wenn wir uns schwer tun, die Fragen unserer Kinder ehrlich zu beantworten, dann liegt das oft an unseren eigenen Ängsten, die wir mit solch schweren Themen verbinden. Wichtig zu wissen ist hierbei, dass unsere Kinder oft viel offener für das Thema Tod sind, als wir selbst. Gerade kleine Kinder, im Kindergarten oder Grundschulalter stehen häufig sehr fest und unumstößlich im Glauben. Für sie ist der Tod nicht das Ende. Ihre Vorstellungen von Himmel und Erde haben oft eine ganz klare räumliche Dimension und geliebte Menschen (oder auch Haustiere), die nicht mehr auf der Erde leben, sind oben im Himmel. Von daher gehen sie unbelasteter und aufgeschlossener mit dem Sterben um, als wir selbst. Gut ist es, in Gesprächen den Vorstellungen und Fantasien von Kindern Raum zu geben und sie erst einmal erzählen zu lassen, was sie glauben, wo beispielsweise Oma jetzt ist, wie sie nun aussieht und was sie tut. Die Bilder, die die Kinder sich geschaffen haben, dürfen in jedem Fall erst einmal so stehen gelassen werden – es wäre auch vermessen, mit einer eigenen Wahrheit zu kommen – denn immerhin kennen wir sie ja selbst nicht.

Wenn nahe Angehörige unheilbar krank werden oder versterben, möchten viele Eltern ihre Kinder schonen und das, was da gerade passiert, möglichst weit von ihnen fern halten. Durch das Tabuisieren dieser Themen machen wir sie aber erst schwierig. Unsere Kinder merken dann, dass wir damit ein Problem haben und nicht gern darüber reden und genau das macht ihnen Angst. Alles, was wir offen ansprechen können, verliert ein Stück von seiner Schwere und ein Stück von seinem Schrecken. Das gilt ganz besonders für unsere Kinder. Wichtig ist, dass wir Erwachsenen unsere Kinder durch solche Zeiten begleiten und dass zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand ansprechbar ist, wenn den Kindern noch Fragen durch den Kopf gehen oder sie über das, was sie vielleicht gerade miterleben müssen, traurig sind.

Dürfen Kinder ans Sterbebett?

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass Kinder totkranke oder sterbende Verwandte besuchen und diese in ihrer Schwachheit und gezeichnet vom Leiden erleben. Wichtig ist jedoch auch hier, dass Kinder begleitet werden. Je nach Alter können sie darüber erschrocken sein, wie sich jemand verändert hat oder Geräte und Umgebung in Krankenhäusern können sie irritieren. Dann ist es gut, wenn jemand da ist, der sie in so einer Situation hält – und zwar oft im wahrsten Sinne des Wortes. Kinder möchten dann häufig auf dem Schoß oder dem Arm eines Erwachsenen sein und sich erstmal aus sicherer Entfernung anschauen, was gerade passiert. Oft tauen sie aber recht schnell auf und kommen in der neuen Situation an. Im Zweifelsfall sollte aber eine gut vertraute Person da sein, die mit den Kindern notfalls auch den Ort verlässt, wenn diese zu verstört sind. Hierbei sollte auch gut abgeschätzt werden, wie groß die Veränderungen sind, die ein Kind an dem Menschen, den es besucht, wahrnimmt. Wenn man bspw. die Oma während einer schweren Krankheit sehr häufig gesehen hat, dann haben sich Kinder langsam daran gewöhnt, dass sie anders aussieht und auch in einer sehr späten Krankheitsphase wird es für sie normal sein, die Oma zu sehen. Anders sieht es aus, wenn sich ein Mensch – aus Sicht der Kinder – plötzlich sehr stark verändert hat. Hier ist gute Vorbereitung von Nöten. Gut ist es, wenn man sich als Eltern dann vorher schon ein Bild gemacht hat und das Kind ein bisschen vorbereiten kann. Es kann auch helfen, beim ersten Besuch eine professionelle Kraft, bspw. einen Krankenpfleger hinzu zu ziehen, der den Kindern erklärt, wofür Kabel oder Schläuche sind und was genau bei der Oma gerade gemacht wird. Auch hier gilt – alles was Kinder verstehen können, was man ihnen erklären kann, macht weniger Angst.

Ich glaube, dass wir unseren Kindern einen Gefallen tun, wenn wir ihnen diesen Bereich des Lebens nicht verschließen – je natürlicher und zugehöriger sie Krankheit und Sterben erleben, desto besser können sie damit auch später einmal umgehen.

Trotz allem kann es im Einzelfall auch die richtige Entscheidung sein, Kinder nicht (mehr) mit zu einer sterbenden Person zu nehmen. Gerade in der letzten Phase ist es häufig so, dass unsere ganze Aufmerksamkeit der sterbenden Person gehören sollte, wenn wir bei ihr sind. Eine einfühlsame Begleitung unserer Kinder wäre dann nicht mehr gut möglich – diese sollte aber immer gegeben sein, wenn wir mit unseren Kindern in eine solche Situation gehen.

Kinder trauern anders

Wenn ein geliebter Mensch nicht mehr da ist, setzt auch bei unseren Kindern, fester Glaube hin oder her, die Phase der Trauer ein. Sie beginnen zu realisieren, dass jemand, den sie gern hatten, nicht mehr Teil ihres Lebens ist. Kinder leben diese Trauer jedoch oft ganz anders, als wir Erwachsenen. Die Schwere des Verlustes lastet nicht den ganzen Tag auf ihren Schultern. Sie können in der einen Sekunde fröhlich spielen, toben und lachen – und in der nächsten tief traurig und ganz schrecklich weinend zusammenbrechen, weil sie an Opa gedacht haben. Auf diese Schwankungen bei unseren Kindern sollten wir vorbereitet sein und in der Lage, trostspendend bereit zu stehen, wenn die Kinder uns brauchen. Wichtig ist es, auch in der Schule oder im Kindergarten Bescheid zu geben, dass das Kind um einen Angehörigen trauert – und man kann auch darum bitten, im Zweifel angerufen zu werden, falls das Kind während es dort ist stark trauert und uns braucht.

Wichtig ist es, wenn ein Mensch verstorben ist, dies auch so zu benennen – Sätze wie: „Opa ist für immer eingeschlafen.“ Oder „Oma ist nun weg.“ Sind für Kinder verwirrend. Außerdem können sie Angst machen – bspw. davor, selbst aus dem nächsten Nachtschlaf nicht mehr aufzuwachen.

Für die weitere Begleitung ist es sehr hilfreich, den verstorbenen Menschen nicht aus dem Alltag auszuklammern. Das gemeinsame Besprechen von Erinnerungen oder das Anschauen von Fotos können Kindern helfen, schöne Gedanken im Hinblick auf die verlorene Person zu haben und die Trauer so ganz langsam zu verarbeiten. Auch Rituale, wie das Anzünden einer Kerze oder der gemeinsame Besuch des Grabes an den Wochenenden können Raum für Gespräche und Trauer schaffen und den Kindern gleichzeitig Halt geben.

Bei aller liebevollen Begleitung kann es dennoch passieren, dass Kinder in Trauerphasen verstärkt Verlustängste entwickeln, dass sie wieder häufiger ins Elternbett wollen, obwohl sie vielleicht schon allein geschlafen hatten oder dass sie nicht gern im Kindergarten bleiben oder gar Spielbesuche am Nachmittag ohne Mama gerade nicht mögen. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass das normal ist und meistens wieder vorübergeht. Wir sollten unseren Kindern in dieser Phase geben, was sie brauchen. Sie müssen gerade in solchen Situationen spüren, dass sie mit ihren Ängsten und ihren Sorgen ernst genommen werden und dass wir für sie da sind.

Kinder in Trauerphasen achtsam zu begleiten ist eine große Herausforderung – aber doch auch eine Chance gemeinsam als Familie zu wachsen und ihnen zu zeigen, dass sie bei uns geboren sind, auch wenn schlimme Dinge passieren.

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