Wenn die Wand dünner wird

Von Halloween bis Totensonntag

Eigentlich wollte ich heute darüber schreiben, wie wir als christliche Familien damit umgehen können, wenn unsere Kinder am nächsten Montag Halloween feiern wollen. Ich wollte Euch eigentlich aufzeigen, wie ich dazu stehe, dass ich mit der Süßes-oder-Saures-Tradition wenig anfangen kann. Ich wollte schreiben, dass es mich Jahr für Jahr ein wenig ärgert, dass immer mehr Kinder diesen Hype mitmachen, aber die nordhessische Tradition des Clowesabends dagegen ausstirbt. Wahrscheinlich hätte ich dann für alle Menschen im Rest der Republik erklären müssen, dass Clowesabend der Brauch ist, am Abend des Nikolaustages verkleidet von Haus zu Haus zu gehen, den Menschen witzige Segenswünsche zu überbringen und dafür Süßigkeiten zu bekommen. Ich hätte berichtet, wie ich an jedem  6. Dezember trotzig eine Schüssel mit Süßigkeiten neben die Haustür stelle und warte, obwohl ich weiß, dass niemand mehr kommt und wie ich eben diesen Süßkram dann spätestens ab 21 Uhr betrübt selbst verspeise. Ich hätte dann weiter ausgeführt, warum ich Euch trotz alle dem zu einem gelassenen Umgang mit Halloween rate, hätte die Herkunft dieses Festes erklärt und Euch am Ende gebeichtet, dass ich zwar dem Süßigkeitensammeln an diesem Tag so gar nichts abgewinnen kann, mich aber unglaublich gern gruselig verkleide und auch  deshalb in den vergangenen beiden Jahren eine Gruselparty für meine Kinder geschmissen habe. Aufgrund meiner protestantischen Sozialisation hätte ich dann noch irgendwie und irgendwo das Wort Reformationstag in diesem Text unterbringen müssen, und am Ende wäre wahrscheinlich ein mehr oder weniger gelungenes Konstrukt dabei heraus gekommen, an dem sich einige gefreut und andere gerieben hätten.

Wollt ihr wissen, warum ich Euch das erzähle und diesen Artikel doch nicht geschrieben habe? Ganz einfach: Die liebe Mandy von gekreuzsiegt, der ich seit einigen Wochen begeistert auf Facebook folge, hat so viel von dem geschrieben, was ich denke, dass ich das nicht nochmal ausführen muss. Ich empfehle Euch, wenn Ihr meinen Text zu Ende gelesen habt, mal hier reinzuklicken – ich finde, da wird alles gesagt.

Ich möchte heute auf was anderes hinaus und erlaube mir, einfach mal mitten ins Thema hinein zu springen. Wie Ihr vielleicht wisst (und bei Mandy auch nachlesen könnt), glaubten die Kelten wahrscheinlich, dass in der Nacht zwischen dem 31. Oktober und dem 1. November die Wand zwischen dem Reich der Toten und dem Reich der Lebenden so dünn war, dass sie fürchtete, die Toten könnten zurück auf die Erde kommen. Mit verschiedenen Bräuchen, von denen manche überliefert sind und über die manchmal auch nur gemutmaßt wird, versuchten sie, sich gegen diesen Schrecken zu wappnen.

Wir Christen glauben selbstverständlich nicht daran und brauchen uns demnach an diesem Abend auch nicht zu fürchten. Wir müssen uns nicht verkleiden, um die Toten zu verschrecken. Wir müssen sie auch nicht mit Essen und Gaben (oder gar irgendwelchen Opfern) beschwichtigen, denn wir haben nichts zu fürchten.

Aber fürchten wir uns wirklich nicht? Wird nicht auch unsere Wand in dieser Nacht dünner, kommen nicht auch uns die Toten oder besser der Tod näher, wenn der Oktober für den November Platz machen muss?

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Der November ist für viele der dunkelste, düsterste Monat des Jahres. Nicht ganz zu Unrecht. Im November sind die Tage so kurz, dass es nur wenige Stunden wirklich hell draußen ist. Außerdem weicht das goldene Oktoberwetter um diese Zeit oft einem nassen und kalten Grau. Doch im November steckt noch mehr als das jahreszeitübliche Dunkel. Auch die Gedenktage, die wir in dieser Zeit begehen, sind schwer: Allerheiligen und  Allerseelen. Volkstrauertag. Der Ewigkeitssonntag. Irgendwo mittendrin der Buß- und Bettag, der auch alles andere als leicht oder hipp ist.

Die Aufzählung dieser Feiertage macht deutlich: Die Wand zwischen den Toten und den Lebenden ist dünn – eigentlich das ganze Jahr über, aber der November zeigt es uns überdeutlich. Dieser Monat mutet uns die Auseinandersetzung mit dem Tod zu – zumindest, wenn wir den November  bewusst leben. Viele Menschen trauen sich aber nicht ihn in ihr Leben zu lassen. Der November ist für sie nur ein lästiges Zwischenstück zwischen dem Goldenen Herbst und der Adventszeit, man möchte eigentlich nur schnell eine Laterne basteln und danach die Weihnachtsdeko vom Dachboden holen – in vielen Haushalten hängt sie schon lange vor dem Ewigkeitssonntag. Man möchte vergessen, dass zum Leben auch Leiden und Sterben gehört, man wartet auf die Erlösung, die gute Nachricht, lässt aber nicht an sich heran, was dem eigentlich voraus geht. Doch sind wir ehrlich – die meisten von uns sind erwachsen, irgendwo zwischen Mitte 20 und Mitte 40, unsere Eltern sind nicht mehr alle jung und topfit, unsere Großeltern zum Teil gar nicht mehr am Leben – und das ist unsere Geschichte, wenn sie gut verlaufen ist. Andere mussten schon Vater oder Mutter, Partner oder gar Kinder gehen lassen, gute Freunde oder andere enge Angehörige. Die meisten von uns haben bereits erlebt, dass man den Tod nicht dauerhaft aus dem Leben ausblenden kann. Wenn das passiert, dann müssen wir lernen, die Dunkelheit auszuhalten, dann müssen wir uns auf einmal mit dem auseinandersetzen, was wir doch am liebsten gar nicht sehen wollen.

Wird die Wand zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Toten in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November dünner? Nein, sie ist immer gleich dick – oder hauchdünn. Aber manche Monate machen uns dies bewusster als andere. Müssen wir davor Angst haben? Als Christen ist die Antwort eindeutig – nein! Denn die Geschichte, die gleich nach dem dunklen Monat im Kirchenjahr anfängt, hat Bestand, auch in der Dunkelheit.

Darum finde ich es völlig in Ordnung, am 31. Oktober eine fette Party zu schmeißen. Verkleidet oder nicht, zum Gruseln oder anlässlich des Reformationstages, wie hier beschrieben, Grund zum Feiern gibt es immer. Wenn wir damit fertig sind, dürfen wir bewusst novembern . Ich glaube, dass es uns gut tut, in diesem Monat einfach mal stiller zu sein als sonst und an uns heranzulassen, was wir sonst gern verdrängen.

Auf diesem Blog werden deshalb in den nächsten Wochen vermehrt auch schwere Themen aus dem Familienleben einen Platz finden. Ich hoffe, ihr folgt mir trotzdem weiter.

 

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