Schule – wie die Bildungspanik uns lähmt

Ferien und Freizeit sind nicht mehr dasselbe

Bald sind Herbstferien – oder wie es treffender heißen müsste – unterrichtsfreie Zeit. Denn das, was ich eigentlich mal unter Ferien verstanden habe, hat mittlerweile herzlich wenig mit dem zutun, was viele Schüler heute während der freien Tage erleben. Die meisten Kinder stehen auch weiterhin jeden Morgen um halb sieben auf, um spätestens um halb acht durch die Türen irgendwelcher Institutionen zu gehen. Ausschlafen, Freunde treffen und die freie Zeit möglichst selbstbestimmt gestalten, das gehört oft leider nicht mehr zum Ferienalltag. Neben durchgetakteten Betreuungszeiten kommt aber vermehrt auch die Verlagerung der Schule nach Hause dazu. Eine Fülle von Hausaufgaben, nachzuarbeitender Stoff oder das Lernen für die nächste Klassenarbeit belasten vielerorts bereits den Familienalltag von Erst- oder Zweitklässlern. Der Gedanke, dass Kinder Freiräume, Kreativität und Ruhepausen brauchen, um wieder aufnahmefähig zu sein, scheint völlig in Vergessenheit zu geraten. Man kann ihn sich auch einfach gar nicht mehr leisten, denn die Vorgaben, die unsere Schulklassen erfüllen müssen, sind straff.

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Das Schulsystem ist veränderungsresistent

Abgesehen davon baden unsere Schüler täglich aus, dass Bildungspolitik auch weiterhin ein beliebtes Kampffeld für Ideologen aller Art ist. Um alle irgendwie zufrieden zu stellen, darf dann jeder einmal ran. Hier ein Reförmchen, da ein neuer didaktischer Wunderansatz und noch schnell ein bisschen neuer Wein in die alten Schläuche gefüllt. Bringt zwar alles gar nichts, sieht aber gut aus.

Dazwischen stehen die, die in diesem System nur verlieren können – unsere Lehrer und unsere Kinder. Das beide Seiten eine erschreckend hohe Burn-out Rate haben, sollte uns eigentlich zu denken geben. Das in der Schule aufgrund von sich verändernden gesellschaftlichen Strukturen mehr und mehr Beziehungsarbeit nötig wäre, dafür aber zwischen Vorgaben, Vergleichtests und hoher Schülerzahlen weniger Zeit denn je bleibt, sollte uns eigentlich zeigen, dass das System Schule, so wie wir es kennen, nicht mehr funktioniert.

Das unsere Kinder in den Lebensjahren, in denen sie eigentlich zu selbstbewussten, stabilen, glücklichen Persönlichkeiten ranwachsen sollten, unter stressbedingten Krankheieten oder psychischen Problemen leiden, sollte für uns Eltern ein Grund sein, die Notbremse zu ziehen.

Eigentlich müssten wir in Vollbesetzung vor den zuständigen Ministerien und Behörden stehen und dürften erst wieder gehen, wenn der Druck aus dem System gewichen ist. Erst dann, wenn Lernräume geschaffen wurden, in denen unsere Kinder angstfrei und mit Freude entdecken und verstehen dürfen, wäre unser Aufstand beendet. Erst dann, wenn wir ein Bildungssystem geschaffen haben, das dem natürlichen Lerndrang des Menschen entgegen kommt, statt ihn zu bremsen, dürften wir wieder gehen.

Die Rolle der Eltern im Schulsystem

Stattdessen machen wir Eltern uns zu Handlangern des Systems. Nicht, weil wir etwas Böses wollen – im Gegenteil, weil wir unsere Kinder lieben. Weil wir Angst um sie haben, weil wir das Beste wollen. Wir wissen, dass sie in der rauen Welt da draußen nur dann eine Chance haben, wenn sie eine solide Ausbildung abgeschlossen haben und wenn sie möglichst weit vorne stehen. Deshalb lassen wir zu, dass der Druck eines kollabierenden Systems auf unserem Familienalltag lastet. Deshalb drohen und strafen wir. Deshalb zahlen wir schon Grundschülern teure Nachhilfestunden. Deshalb beschneiden wir die Kindheit unserer Kinder.

Einen großen Aufschrei der Eltern wird es nicht geben – nicht in dieser Generation. Politiker werden weiterhin nur Flickschustern, weil sich niemand den ganz großen Wurf zutraut. Das völlig heruntergewirtschaftete System einmal komplett platt zu machen und neu aufzubauen, das bräuchte nicht nur Mut, sondern eine Gesellschaft, die es in der Breite mitträgt und die haben wir noch nicht. Dabei wäre es einfacher, als es zunächst erscheint, denn die Konzepte für etwas Neues sind nicht nur da, sie sind sogar erprobt. Schon heute gibt es Schulen, die anders arbeiten, die Erkenntnisse aus Hirnforschung und Erziehungswissenschaft umgesetzt haben und die ihrer Aufgabe, Kindern in ihrem persönlichen Lerndrang zu begleiten, gerecht werden.

Wenn die große Systemänderung aber für unsere Kinder nicht mehr kommen wird, was können wir dann tun als Eltern?

Eltern müssen gelassener werden

Zunächst einmal, uns entspannen. Wir können diejenigen sein, die den Druck aus dem Kessel nehmen. Wir können es locker angehen lassen. Wir müssen nicht strafen, nicht drohen, keine Nachhilfe organisieren und nicht die Freiheit unserer Kinder beschneiden. Wir können uns als Begleiter anbieten, eine lerngünstige Umgebung bereit stellen und wir können vor allem eins: sie in Ruhe lassen.

Wir können ihnen vertrauen, selbst in Phasen, in denen es scheinbar nicht so glatt läuft. Wir können auch dem Leben vertrauen. Unser System ist vielerorts starr und doof. Aber es hat auch seine Vorteile – es hat immer mal wieder Schlupflöcher für Spätstarter. Unser duales Ausbildungssystem bereitet uns gut auf das Leben vor und ermöglicht mittlerweile sogar den Zugang zur Hochschule ohne Abitur.

Die deutsche Wirtschaft positioniert sich in bildungspolischen Diskussionen immer so, als würde sie händeringend nach 24 jährigen Durchstartern mit 1er Abitur und Masterzeugnis mit Auszeichnung suchen. Als Berufsberaterin an der Uni habe ich aber andere Erfahrungen gemacht: Firmen suchen Menschen mit Persönlichkeit. Das – so habe ich es immer wieder erlebt – sorgt häufig dafür, dass der 30 jährige mit der Patchworkbiografie am Ende der ist, der eingestellt wird, während die jungen Überflieger noch ein Praktikum, ein Auslandsjahr oder einen weiteren Abschluss machen müssen, um an Lebenserfahrung und Soft Skills aufzuholen.

Wenn jemand in der Grundschule in Mathe auf einer vier steht, sagt dies demnach herzlich wenig darüber aus, was später einmal aus ihm werden wird. Es sagt nicht mal etwas darüber aus, ob er mit Zahlen umgehen kann. Die Autorin dieses Textes stand im Mathe übrigens immer zwischen vier minus und glatt sechs – an der Uni leitete sie eigene Statistikseminare.

Wenn das kein Grund zum Entspannen ist…

 

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