Dankbarkeit im Familienleben

Sag mal danke!

Sag mal danke! Wie oft habe ich diesen Satz schon gesagt – und mich hinterher darüber geärgert, dass ich ihn gesagt habe? Eltern kennen diese Situationen. Beim Metzger kriegt das Kind ein Stück Wurst, die entfernte Tante kommt mit einer Tüte Gummibärchen oder beim Kinderarzt gibt es am Ende der Behandlung einen Lutscher. Oft nehmen unsere Kinder diese kleinen Geschenke an, freuen sich – und sagen nichts. Wir als Eltern stehen peinlich berührt daneben und versuchen unseren Kindern die gängigen Höflichkeitsfloskeln beizubringen. Ich möchte heute mal darüber nachdenken, ob es nicht Alternativen dazu gibt.

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Ähnlich wie beim Thema Grenzen setzen, geht es auch hier um die Frage, wann Kinder und Erwachsene sich als echte Personen zeigen dürfen und wann sie tradierten Vorstellungen vom „guten Benehmen“ erfüllen sollen. Die Erwiderung „Danke“ auf die Scheibe Wurst vom Metzger ist, wie ich oben angedeutet habe, zunächst einmal „nur“ eine Höflichkeitsfloskel. Wie oft sagen wir als Erwachsene zu etwas „danke“, ohne es wirklich zu meinen. Danke – wenn Tante Elfride die Zimmerpalme vorbei bringt, für die wir erstens keinen Platz haben und die bei unserem schwarzen Daumen zweitens innerhalb von wenigen Wochen eingehen wird. Danke – wenn der Nachbar uns einen schönen Tag wünscht und wir eigentlich wissen, dass wir ihm total egal sind. Danke – wenn die Schwiegermutter fünf Gläser Pflaumenmus vorbei bringt – und wir Pflaumenmus hassen.

Kinder zeigen Dankbarkeit zunächst einmal ganz anders – sie freuen sich, wenn ihnen etwas Freude bereitet. Sie sind dankbar, wenn sie eine Kleinigkeit, die sie mögen, geschenkt bekommen und sie verfügen schon von klein auf über Wege, dieser Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Sie strahlen uns an, sie lachen, geben Freudenlaute von sich oder umarmen denjenigen, der ihnen etwas gegeben hat, was sie mögen. Manchmal drücken Kindern ihre Dankbarkeit auch einfach verzögert aus, indem sie jemandes Nähe suchen, selbst ein kleines Geschenk überreichen  und manchmal läuft der Prozess auch viel, viel subtiler ab. Manchmal muss es den Erwachsenen einfach reichen zu sehen, wie sich ein Kind in etwas vertieft, wie viel Freude es an der Schokolade, dem Lutscher oder der kleinen Legoschachtel hat. Kinder tragen Dankbarkeit in sich und ihre eigenen, natürlichen Formen, sie auszuleben. Eins bringen sie jedoch erst einmal nicht mit – den Hang zur Heuchelei. Während wir Erwachsenen schon längst gelernt haben, dass ein geheucheltes Danke eine sozial erwünschte Reaktion ist, verstehen Kinder oft gar nicht, was genau an diesem Wort so besonders ist. Besonders dann nicht, wenn sie im entsprechenden Moment vielleicht gar nicht dankbar sind. Das kann für uns Eltern  mitunter sehr peinlich sein und es ist gut, wenn wir dann einfach das Bedanken für unsere Kinder übernehmen. Tadeln sollten wir diese hinterher dafür jedoch nicht, denn das wäre, als würden wir sie bestrafen, weil sie nicht gelogen haben, sondern ehrlich waren. Kinder verlieren durch die Anwendung von gezwungenen Höflichkeitsfloskeln die wirkliche Wertschätzung und lernen, dass ihre eigenen Empfindungen gerade nicht gefragt sind.

Wie können Kinder Dankbarkeit lernen

Wie können Kinder Dankbarkeit lernen? Die Antwort ist, dass Dankbarkeit nichts ist, das man lernen kann. Kinder tragen es ganz automatisch in sich. Sie empfinden Freude darüber, wenn ihnen etwas gegeben wird. Je älter sie werden, desto mehr können sie einschätzen, was das, was ein anderer ihnen gerade gegeben oder ermöglicht hat, für denjenigen bedeutet. Wenn wir sie lassen, entwickeln sie ihre ganz eigenen Formen, diese Dankbarkeit auszudrücken – indem sie etwas zurück geben, indem sie uns an ihrer Freude teilhaben lassen, indem sie uns nah sind, indem sie uns wunderschöne Dinge sagen.

Wenn wir genau hinsehen, dann merken wir, dass Dankbarkeit nicht viel mit dem dahingesagten Wort „Danke“ gemeinsam hat. Dankbarkeit ist eine Lebenshaltung, die sich im Laufe der Zeit entwickelt und zwar, umso mehr sich die Wertschätzung gegenüber Dingen, Taten und Menschen entwickelt.

Diese Wertschätzung können wir in der Familie vorleben. Erstmal natürlich, indem wir unsere Kinder wertschätzen und ihnen dankbar sind für das, was sie an Anpassungsleistungen für uns vollbringen. Wenn wir genau darüber nachdenken, ist das eine ganze Menge. Viele Kinder verbringen viele Stunden am Tag in nicht gerade kinderfreundlichen Strukturen und passen sich dort an und ermöglichen uns somit, in dieser Zeit so zu tun, als hätten wir keine Kinder. Diese Leistung können wir wertschätzen, indem wir ihnen wenigstens am Abend Freiräume lassen und nicht sofort unfair werden oder strafen, weil sie nach einem langen Tag in Institutionen beim Abendessen nicht mehr so funktionieren, wie wir das gern hätten.

Auch in unserer Beziehung zu Gott können wir den Kindern Dankbarkeit vorleben. Wir alle kennen das – wir sind schnell dabei, wenn es darum geht, Gott um etwas zu bitten. Das Danken vergessen wir jedoch häufig. Selbst Menschen, die mit Glaube normalerweise nicht viel am Hut haben, fangen plötzlich an Gott zu bitten, wenn es kritisch wird – wenn ein böser Befund im Raum steht, ein geliebter Mensch in Not ist oder manchmal auch nur, wenn Hektor zum entscheidenden Elfmeter gegen Italien anläuft. Als letzte Hoffnung und Bittstelle ist er in unserem Leben sehr präsent. Aber ist er auch Dankstelle? Als ich darüber geschrieben habe, das Erntedankfest mit Kindern bewusst zu feiern, habe ich über gemeinsames Danken geschrieben. Idealerweise sollte dies aber mehr als nur einmal im Jahr stattfinden. „Herr lass deinen Segen über unseren Teller fegen“ beten wir manchmal vor dem Essen, wenn es mal wieder schnell gehen muss, die Kinder am gedeckten Tisch zu verhungern drohen, der Uhrzeiger sich am Morgen bedrohlich halb acht nähert oder wenn wir einfach keine Lust haben, viele Worte zu verlieren. So holen  wir Gott an unseren Tisch – aber wir sparen etwas Entscheidendes aus – das Danken.

Genau wie wir am Tisch darauf achten können, dass Dankbarkeit eine Rolle spielt, können wir es auch im restlichen Leben tun. Warum nicht einmal innehalten, wenn wir alle zusammen im Urlaub einen Berggipfel erklommen haben und danken – für die Schönheit der Landschaft, die gemeinsame Erfahrung, den Urlaub an sich? Warum nicht einfach mal den Kindern sagen, wie dankbar wir sind, dass wir sie haben? Warum nicht einfach mal laut danke sagen, wenn ein Gebet erhört wurde?

Dankbarkeit zeigt sich allerdings nicht nur im Danken als solches. Dankbarkeit drückt sich auch durch die Wertschätzung dessen aus, was wir haben. Auch da können wir uns selbst hinterfragen: Wie gehen wir mit Lebensmitteln um? Wie mit Kleidung? Wie mit dem Leben, das uns geschenkt wurde? Wertschätzen wir, indem wir nicht verschwenden, das beste daraus machen, es annehmen? Können wir dankbar auf das schauen, was unsere Mitmenschen uns an Bereicherung für unser Leben geben oder sind wir oft unzufrieden und erwarten mehr, mehr und immer noch mehr?

Dankbarkeit ist also etwas, was von Anfang an in unseren Kindern angelegt ist. Wir können dabei helfen, dass sie sich entwickelt, aber wir können sie nicht anerziehen. Durch gezwungene Höflichkeitsfloskeln schon gar nicht. Es ist davon auszugehen, dass unsere Kinder diese im Laufe ihres Lebens trotzdem erlernen und sich das kleine Wort zur passenden Situation angewöhnen – oder sie entdecken das Danken für sich als Generation ganz neu und machen daraus etwas Ehrliches, das von Herzen kommt.

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