Sehnsucht nach Leere

Manchmal ist mein Leben voll. Reich gefüllt mit Menschen, Begegnungen, Worten, Ideen und Taten.

Manchmal ist es leer. Eine scheinbar endlose Aneinanderreihung von alltäglichen Banalitäten, ohne Tiefe, ohne Ansporn, ohne Kreativität.

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Manchmal ist mein Leben übervoll. Dann werden aus Menschen, Worten, Begegnungen und Taten kurze Sequenzen eines Filmes mit viel zu schneller Schnittfolge. Vor meinen Augen flimmert es, mein Kopf tut weh, mein Magen rebelliert. Dann möchte ich nur noch raus – raus aus diesem Film – und rein in die Leere.

Leere kann wohltuend sein und Banalität ein Rettungsanker, wenn der Topf des Lebens überkocht.

Unser Sommer war reich, angefüllt mit Sonne, Aktivität, Menschen, Begegnungen und Worten. Wir haben ihn genossen. Doch gerade merke ich, dass ich Herbst brauche. Den Herbst mit seiner Ruhe, seinem Kerzenlicht, seiner frischen Luft seinen Abendstunden mit Tee auf der Couch, statt mit Rotwein auf der Terrasse. Ich brauche den Herbst, den Herbst mit seinen dunklen Stunden und seiner Leere.

Kürzlich hatte ich eine Diskussion mit einigen Bloggern. Es ging um die Frage, ob wir beim Besuch eines Gottesdienstes voll oder leer werden wollen. Ich sagte, ich bräuchte die Fülle. Ich sauge die Predigten auf, wie die Blumenerde das Wasser an heißen Tagen. Doch am letzten Sonntag habe ich gemerkt, dass ich auch Leere brauche. Dass ich voll bin, voll mit Worten, Gedanken und Gefühlen und dass ich in Gegenwart Gottes loslassen will und leer werden.

Auch in unserem Familienalltag wechselt sich die Sehnsucht nach Fülle und nach Leere ab. Die Kinder gehen sehr achtsam mit ihrer Zeit um und melden uns deutlich wenn sie voll sind. Dann ist es an uns, für Leere zu sorgen, Termine ausfallen zu lassen, Pausen zu machen und Räume zu schaffen, in denen Leere sein darf. Es ist dann an uns, fünf gerade sein zu lassen und ein „ich-will-aber-heute-nicht-dahin“ zu akzeptieren.

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Was die Achtsamkeit mit der eigenen Zeit angeht, kann ich von unseren Kindern noch etwas lernen. In diesem Herbst muss ich dringend Räume für mich schaffen, in denen Leere sein darf. Ich muss mich zusammenreißen, entstandene Freiräume nicht ständig durch neue Projekte zu stopfen, sondern sie leer zu lassen. Ich selbst muss leer werden, um mich irgendwann wieder an der Fülle zu freuen, die mich zu Hauf umgibt.

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