Grenzen setzen – ein allzu missverständliches Thema

Kinder brauchen Grenzen

Kinder brauchen Grenzen heißt einer der bekannteren Erziehungsratgeber unserer Zeit. Auch viele andere Bücher zum Thema Aufwachsen und Familienleben kommen nicht aus, ohne dem Thema Grenzen setzen zumindest ein Kapitel  zu widmen.

Kaum war in meinem Umfeld bekannt geworden, dass ich mich in meinem neuen Blog mit bindungs- und beziehungsorientierter Elternschaft beschäftige, wurde auch ich mit der Frage nach den Grenzen konfrontiert. Schön, dass du wieder bloggst, sagte mir jemand, aber das Thema ist nicht meins. Kinder brauchen doch Grenzen. Auch mit dem, was in der Bibel über Erziehung steht, ist es nicht zu vereinbaren. Dieses völlig regellose Aufwachsen ist nicht gesund und die Kinder werden spätestens in der Schule Probleme bekommen.
Ob mein Kritiker mit seinem Bezug zur Bibel oder dem, was er über die Schule sagte, recht hat, sei einmal dahin gestellt bzw. ein gutes Thema für weitere Beiträge von mir. Heute möchte mich lieber mit der Frage beschäftigen, ob die Abkehr von Erziehung und die Hinwendung zur Beziehung zu Kindern tatsächlich bedeuten, dass Grenzen im Familienleben keine Rolle mehr spielen.

Die Idee in einer gesunden und glücklichen Beziehung zu seinen Kindern zu leben, bedeutet nicht automatisch, dass es innerhalb dieser Beziehung keine Grenzen mehr gibt. Es geht vielmehr um das Setzen eigener, persönlicher Grenzen und nicht das unreflektierte Übernehmen von Grenzen, die „man halt so setzt“.

Wenn ich an unseren Alltag als Familie denke, fallen mir dazu zwei Beispiele ein.

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Dürfen Kinder auf dem Sofa springen?

In unserem Wohnzimmer steht ein uraltes Sofa. Mein Mann und ich haben es von unserem ersten Gehalt gekauft, es war unser erstes Möbelstück, das neu war und nicht schon bei unseren Eltern, Großeltern oder dem Sperrmüll gestanden hatte. Auf diesem Sofa habe ich drei Kinder gestillt, ebenso viele haben sich schon irgendwann einmal darauf erbrochen, es mit ihren Marmelade verschmierten Händen liebkost oder sind direkt aus dem Garten mit Gummistiefeln einmal drüber gelaufen, bevor ich Stopp schreien konnte. Wir haben die Bezüge schon gefühlt 1000 Mal gereinigt und desinfiziert und es mit wechselnden Decken und Kisten dekoriert und  so versucht von den Flecken abzulenken. Es ist mit Buntstift bemalt, hat Wasserränder und das Polster an mehreren Stellen kleine Löcher. Kurz – es ist ein ziemlich gemütliches, aber irgendwie auch peinliches altes Stück, das auf dem Sperrmüll wohl keinen Abnehmer mehr finden wird. Mein Mann und ich haben aber beschlossen, dass es noch ein paar Jahre durchhalten muss. Unsere Kinder sind noch immer klein und es ist zu erwarten, dass noch mehr Marmelade und noch mehr Sand und noch mehr Wasserränder dazu kommen. Unsere Kinder dürfen auf diesem Sofa fast alles tun, was sie wollen (außer mit Marmeladehänden danach greifen oder mit sandigen Stiefeln springen … theoretisch). Sie springen, rennen, bauen Höhlen und machen Kissenschlacht. Uns macht das nichts aus, denn unser Sofa ist uralt. Auf den einen Flecken mehr kommt es nicht an, den Kissen passiert nichts mehr, wenn sie auf den Fußboden fallen und insgesamt beweist sich das gute Stück als ziemlich stabil. Nun meinen aber einige Freunde und Bekannte, dass wir das Sofa springen verbieten müssten, denn das macht man nun einmal nicht. Die Kinder müssten lernen, dass man nicht auf Sofas springt, sonst täten sie es irgendwann überall.

Dahinter steckt zum einen der Irrglaube, dass Kinder nicht anpassungsfähig genug wären, um sich auf unterschiedliche Bedingungen, Regeln und Wünsche einzustellen.

Tatsächlich, als unser Sohn das erste Mal bei meiner Freundin Sarah zu Gast war, die uns stolz ihr neues Ledersofa präsentierte, testete er dessen Sprungtauglichkeit. Sie machte ihm ziemlich klar, dass sie das nicht wünscht und setzte somit ihre persönliche Grenze. Zuhause erklärte ich den Kindern noch einmal, dass auf Sofas springen bei uns erlaubt ist, weil es uns auf unserem alten Teil nicht stört, dass es in anderen Familien aber andere Regeln dazu gibt. Hier setzen wir also eine Grenze, die in vielen anderen Familien gilt, nicht, weil sie nicht unsere persönliche Grenze ist und nicht dem entspricht, was wir eigentlich wollen. Ein Verbot, auf dem Sofa zu toben, wäre für uns schwer begründbar und wenig authentisch, weil wir eigentlich nicht dahinter stehen.

Anders sieht es aus, wenn ich an unseren Garten denke.

Meine Freundin Anne hat ein riesiges Grundstück. Einen Teil davon lässt sie verwildern und zuwachsen. Wenn wir bei ihr sind, dürfen die Kinder überall nach Herzenslust Fußball spielen, den Boden aufbuddeln, Dinge abpflücken oder herausreißen, einen Schatz vergraben oder Sand an Stellen verteilen, an denen eigentlich kein Sandkasten steht. Bei uns ist das anders. Wir haben nur einen ganz kleinen Garten, den mein Mann liebevoll und mit viel Mühe gestaltet hat. Die Kinder haben dort ihren kleinen Bereich zum Graben und im Sand spielen, doch alle anderen Ecken müssen sorgsam behandelt werden. Unser Garten ist kein Ort, an dem man ungezügelt Buddeln, Kicken oder mit Sand werfen kann. Unsere Kinder müssen das akzeptieren und der Besuch auch. Hier setzen wir unsere persönliche Grenze und verteidigen etwas, was uns wichtig ist. Wir wünschen uns hier von den Kindern Wertschätzung und Rücksicht für einen Bereich, den wir uns geschaffen haben – und setzen somit eine persönliche Grenze aus vollster Überzeugung.

Es gibt einen Unterschied zwischen tradierten und persönlichen Grenzen

Diese kleinen Beispiele zeigen deutlich den Unterschied zwischen persönlichen Grenzen und Grenzen, die man aufgrund von tradierten Erziehungsvorstellungen setzt. Es gab eine Zeit, da galten Regeln relativ unhinterfragt. Auf dem Sofa wurde nicht gesprungen, der Rasen nicht betreten und draußen gab es nur Kännchen. Diese Zeit gibt es schon lange nicht mehr. Viele Erwachsene sind deshalb besorgt und setzen die Abwesenheit von allgemeingültigen Erziehungsregeln mit völliger Grenzenlosigkeit gleich. Meistens folgt gleich danach ein öffentlichkeitswirksamer Hinweis auf die tyrannische Generation, die wir regelvergessenen Eltern uns heranziehen und aus irgendeinem Grund setzt die Kritik besonders da ein, wo Eltern sich zu einem bindungs- und beziehungsorientierten Lebensstil bekennen. Dabei geht es darum weder bei unerzogen, noch im Attachement Parenting. Vielmehr geht es darum, sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen: Mit den eigenen Grenzen. Mit dem, was einen persönlich ausmacht, mit dem, was man gut haben kann und mit dem, was man nicht haben möchte. Es geht außerdem darum, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, zu formulieren und darauf zu achten, dass sie gewahrt werden, auch auf die Gefahr hin, dass die eigenen Kinder (oder die der Freundin) einen einmal einen kleinen Moment lang doof finden.

 

Die Wahrnehmung von Grenzen

Achtsame Elternschaft setzt auch einen achtsamen Umgang mit sich selbst voraus. Aber eben auch mit den Kindern. Auch die haben ihre persönlichen Grenzen, die wir als Erwachsene wahren müssen. Besonders wenn unsere Kinder noch sehr klein sind und diese noch nicht selbst formulieren können, bedeutet dies, dass wir sie sehr genau beobachten müssen und notfalls dafür eintreten, dass andere diese Grenzen nicht übertreten.

Das ist manchmal schwerer, als es zunächst scheint. Oft sind wir gewillt, dem lieben Frieden Willen zu zulassen, dass die entfernte Verwandte unseren Kindern ein Küsschen aufdrückt, obwohl diese das nicht wollen. Im morgendlichen Alltagswahnsinn möchten wir gern manchmal das Nein unserer Kinder überhören, wenn diese nicht bei Oma, der Erzieherin oder der Tagesmutter bleiben wollen, wir aber eigentlich dringend weg müssen. Obwohl wir wissen, dass mehr als zwei Termine an einem Tag unser Baby überfordern, sagen wir doch zu, noch schnell beim Geburtstagsfest der Nachbarin vorbei zu schauen und überreizen damit die Grenze des kleinen Menschen, der uns anvertraut wurde. Es geht schnell, weil die Welt manchmal wenig Raum für kindliche Grenzen und Bedürfnisse lässt. Oft wollen wir andere nicht enttäuschen oder wir lassen uns einschüchtern von Berichten über kleine Tyrannen, von den Unkenrufen aus dem Bekanntenkreis oder der Gemeinde und vom Beispiel der Nachbarskinder, die man problemlos auch auf vier Partys pro Tag schleppen kann.

Wenn wir von persönlichen Grenzen sprechen, die wir als Familie haben, dann müssen wir immer die von allen Familienmitgliedern im Blick haben. Das ist manchmal nicht so einfach. Manchmal passen die Grenzen und Bedürfnisse nicht zu einander. Manchmal passen sie nicht zu denen unserer Freunde oder Verwandten. Manchmal müssen wir Konflikte aushalten; mit anderen, mit unseren Kindern, miteinander als Paar oder mit uns selbst. Eigene Grenzen und die der anderen zu erkennen, braucht Zeit, Mühe und Arbeit. Es gelingt nicht immer. Es ist ein Spiel mit Versuch und Irrtum. Dennoch –  es lohnt sich. Kinder brauchen keine starren Grenzen, die überall und immer gleich gelten. Sie sind anpassungsfähiger, als wir glauben. Sie brauchen Eltern, die ihre eigenen Grenzen kennen und einen sicheren Rahmen bereitstellen – und vor allem brauchen sie die Erfahrung, dass ihre persönlichen Grenzen gewahrt werden.

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2 Gedanken zu „Grenzen setzen – ein allzu missverständliches Thema

  1. Pingback: Was aus Kindern wird, die alles dürfen | Eltern sein – Familie leben

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