Die Melancholie der Veränderung

In einem kleinen Dorf im September 1998.

Das Abitur ist geschafft, die Koffer gepackt und die letzten Freundinnen verabschiedet. Noch ein letztes Mal habe ich mit der Familie zu Abend gegessen und nun liege ich da – hellwach in meinem Bett. Morgen früh soll ich meinen Rollkoffer nehmen, zum Flughafen in die Großstadt fahren und fliegen. So habe ich es entschieden. Ich ganz allein, gegen alle Widerstände, gegen alle Vernunft. Ich soll fliegen, in eine andere Stadt, in einem anderen Land und ich soll bleiben, fast ein ganzes Jahr. Ich habe das nicht so lang geplant, wie andere das vielleicht tun. Ich habe es spontan entschieden. Aus dem Bauch heraus. Mit etwas Vorlauf zwar, aber ohne dass es immer mein Ziel gewesen wäre. Einfach so habe ich verkündet, dass ich das jetzt tun werde. Jetzt, da mich nur noch diese Nacht von einem neuen Leben trennt, kommen die Zweifel. Alles ist gut, so wie es ist. Hier ist es schön, hier ist es warm, hier ist es sicher. Hier weiß ich wer ich bin, hier weiß ich wer die anderen sind. Ich hätte bleiben können – und doch wollte ich gehen. Was, wenn alles ganz schrecklich falsch war? Warum nur, will ich dieses Leben loslassen? Warum will ich nicht bleiben, wo es mir gut ging? Was morgen kommt, ist ein Abschied, ein Abschied von Zuhause, ein Abschied von einer Lebensphase, ein Abschied von meiner Kindheit. Ein Schritt in ein neues Leben.

In einer Stadt in der Mitte Deutschlands im Dezember 2011

Die Kisten sind gepackt, um mich herum herrscht Chaos. Drüben, in dem neuen Haus, da ist es schön. Es ist neu, es ist aufregend und es ist unseres. Wir haben es uns gekauft. Gegen alle Widerstände. Wir haben es renoviert, trotz aller Schwierigkeiten. Wir haben diesen Schritt gewählt, es soll unser neues Leben werden. Wir verlassen die Stadt. Ich verlasse den Stadtteil, der mir so sehr Heimat geworden ist, in den letzten vier Jahren. Den Ort, an dem ich bleiben wollte. Ich gebe es auf, das Stadtleben, für das ich mich so geboren fühlte. Ich tausche es ein, gegen ein Haus und einen Vorort. Und doch – in der letzten Nacht im alten Bett möchte ich es festhalten, unser Leben in dieser Wohnung. Unser Leben in den vier Wänden, in denen wir vom Paar zur Familie wurden. In denen ich das erste Mal ein Baby gestillt habe. In denen ich zwei kleine Kinder hatte, in denen ich zur Mutter wuchs. Ich möchte ihn nicht aufgeben, meinen Weg zum Park hinunter, den ich jeden Tag ging. Ich möchte ihn behalten, meinen Supermarkt, genau wie meinen Metzger. Bin ich überhaupt noch gemacht für ein Leben draußen? Möchte ich Hausbesitzerin sein? Kann ich das? Wir hätten bleiben können – der Platz hätte noch ein paar Jahre gereicht, irgendwie. Die Wohnung war günstig und unser Leben berechenbar. Wir hatten uns eingelebt, wohlgefühlt, wir wussten, was wir erwarten konnten – und nun gingen wir. Ins Ungewisse. In eine neue Verantwortung – einen Schritt in ein neues Leben.

Auf der Terrasse meines Hauses, im September 2016

Da bin ich nun – auf meiner Terrasse, in meinem Haus – in meinem Ort, der mir so sehr Heimat geworden ist. Nebenan weiß ich die Nachbarn, die ich seit einem Jahr kenne und die mir so sehr ans Herz gewachsen sind. Ich trinke den Erdbeersecco, den meine Freundin mir geschenkt hat – die neue, die ich hier getroffen habe. Ich höre die vertrauten Geräusche meines Zuhauses. Ich bin angekommen. Angekommen im Leben hier. Ich trage den Ort mit mir, ich lebe in ihm und ich begrüße ihn täglich, wie einen guten Freund. Alles ist vertraut geworden, alles gut und alles sicher. Ich bleibe hier, ich gehe nicht fort.

Doch ich springe  wieder in ein neues Leben. Ich lasse wieder etwas hinter mir. Ich habe Kuchen gebacken, den essen wir morgen, meine Kolleginnen und ich. Danach verabschiede ich mich, ich gebe meinen Schlüssel ab – und gehe. Ich verlasse den Ort, der nun 17 Jahre lang eine Konstante in meinem Leben war. Zuerst, weil ich ihn als Studentin besuchte, später, weil ich dort arbeite. Ich lasse sie hinter mir, die Sicherheit. Den sicheren Job, das Gehalt, die Kolleginnen. Die Berechenbarkeit. Ich tausche ihn, gegen einen neuen Lebensabschnitt. Ich tausche Sicherheit gegen Unabhängigkeit. Arbeit gegen Familienzeit. Ein Schritt, den viele vor mir schon gegangen sind. Ich bin die Letzte von uns Mädels von damals, die die Uni nun verlässt. Allen anderen geht es gut und ich weiß, dass es mir auch gut gehen wird. Ich weiß es, weil es immer gut war. Jedes Mal, wenn ich mich aufgemacht habe und etwas hinter mir gelassen habe, haben sich mir ungeahnte Weiten aufgetan.

Ñ

Aber sie ist da, die Melancholie der Veränderung und erinnert mich daran, dass der Schritt, den ich gehe, ein Großer ist. Einmal mehr!

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2 Gedanken zu „Die Melancholie der Veränderung

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