Liebe, Liebe und nochmal Liebe

Wenn Angst und Zweifel sprachlos machen

Irgendwie war er holprig dieses Jahr, der Start in unseren so lange ersehnten Sommerurlaub. Es begann schon am Vorabend. Statt mich schlaflos vor Vorfreude im Bett hin und her zu wälzen, starrte ich die halbe Nacht ängstlich auf mein Handy und betete, Gott möge diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Nur achtzig Kilometer entfernt von dem Ort, an dem wir unseren ersten Zwischenstopp machen wollten, tobte ein, zu dieser Zeit noch namenloser, Schrecken. Es war die Nacht vom 22. auf den 23. Juli und noch wusste man nicht, wie sich die Lage in und um München in den nächsten Stunden entwickeln würde.

Am nächsten Morgen war ich übernächtigt und bedrückt. Ich wusste nicht wohin mit meinen Emotionen, meiner Angst, meinem Mitgefühl, meiner Trauer darüber, was an jenem Abend geschehen war. Mit Entspannung auf Knopfdruck tue ich mich seit jeher schwer und so brauche ich immer einige Tage, bis ich von Alltag auf Urlaub umschalten kann. Doch diesmal war es besonders schlimm. Ich war außerstande, die Bedürfnisse meiner Kinder wahrzunehmen und angemessen auf sie zu reagieren. Kleinigkeiten eskalierten und ich hatte das Gefühl, dass die Situation mir entglitt. Ich fühlte mich unfähig, hilflos und versagend. Ich hatte Zweifel – Zweifel an meiner Rolle als Mutter, Zweifel an uns als Familie, Zweifel an unserem Weg. Hatten wir bisher die richtige Art gewählt, unsere Kinder ins Leben zu begleiten? Waren wir zu mild? Zu inkonsequent? Hatten wir unsere Kinder mit unserem Fokus auf Bindung und Beziehung gar verzogen? Hatte ich mir das ganze Desaster selbst eingebrockt und vor allem – was dachten die Menschen um mich herum über uns? Auf einem Campingplatz ist man ähnlich privat unterwegs, wie auf Facebook – jeder bekommt alles von einem mit. Jeder kindliche Wutanfall, jede mütterliche Entgleisung, jeder chaotische Abend findet auf dem Präsentierteller statt. Zumindest fühlte es sich für mich so an.

Die Zweifel loslassen

Einige Tage später verblassten die anfänglichen Schwierigkeiten langsam und die Schönheit der Südtiroler Berge hatte mich in ihren Bann gezogen. Ich war angekommen – angekommen im Urlaubsort und wieder angekommen bei mir. Das Gepäck, das ich zum Urlaubsstart mit mir herumgetragen hatte, war in den ersten Tagen nicht leichter geworden. Auf München folgte Ansbach und irgendwann dazwischen ereilte mich die Nachricht vom Selbstmord eines Bloggerkollegen, mit dem ich wenige Tage zuvor auf Twitter noch heiß diskutiert hatte. Eine ungewöhnliche Schwere und lag über diesen Sommertagen, doch nach und nach konnte ich sie loslassen. Mit ihr schwanden auch die Zweifel und machten Platz für eine große Gewissheit. Ja – wir waren auf dem richtigen Weg. All die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage und Wochen bedurften nur einer Antwort: Liebe.

Der Schlüssel zu einer anderen Welt

Wir als einzelne null-acht-fünfzehn-otto-normal Eltern können dem Schrecken der Welt wenig entgegensetzen. Oft bleibt uns noch Hilflosigkeit, ein Gebet und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Aber wir können einen Beitrag dazu leisten, dass bessere Menschen auf diesem Planeten heranwachsen. Menschen, denen es nicht an Halt und Selbstwert mangelt. Menschen die das nötige Rüstzeug in sich tragen um in dieser wahnsinnigen Welt nicht von schlimmen, sondern von guten Gedanken geführt zu werden. Menschen, die aus einer gesunden Selbstliebe heraus auch Nächstenliebe leben können. Das erreicht man nicht, indem man selbst unnachgiebig ist. Nicht, indem man selbst straft, statt vergibt, nicht indem man die Bedürfnisse seiner Kinder gering schätzt.

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Wir brauchen Menschen, die sich gegenseitig respektieren, statt sich zu hassen. Die bekommt man, indem man Kindern Respekt vorlebt – indem man sie selbst respektiert und achtet. Wir brauchen Menschen, die einander annehmen, wie sie sind, statt sich an ihrer Andersartigkeit zu reiben. Die bekommt man, indem man Kinder sein lässt, wie sie sind und nicht versucht, sie möglichst konform zu machen. Wir brauchen Menschen, die achtsam und emphatisch miteinander umgehen, statt aufeinander zu schießen. Die bekommt man, indem man emphatisch auf die eigenen Kinder reagiert und auf deren Bedürfnisse. Wir brauchen Menschen, die das Leid anderer sehen und handeln – und die bekommt man, indem man das kindliche Leid – und erscheint es uns noch so klein – sieht und Trost spendet.

Wir Eltern sind im Besitz einer mächtigen Waffe, wenn es darum geht, den Wahnsinn der Welt zu stoppen – Liebe. Wir können Menschen in die Welt schicken, die sich sicher und geliebt fühlen und die aus dieser Sicherheit heraus selbst lieben können. Durch die Art, wie wir unsere Kinder heute behandeln, können wir darauf einwirken, wie sie später mit anderen Menschen umgehen. Was wir ihnen heute vorleben, werden sie morgen weitergeben. Deshalb sollten wir uns nicht einreden lassen, dass wir kleine Tyrannen erziehen, wenn wir die Bedürfnisse unserer Kinder achten – auch dann nicht, wenn es mal nicht so besonders gut läuft. Lassen wir uns nicht beirren, sondern antworten wir auf den kalten Wind dieser Welt mit Liebe, Liebe und nochmal Liebe.

Eure Daniela

 

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Ein Gedanke zu „Liebe, Liebe und nochmal Liebe

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